Extrembergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner spricht im Interview über den schrecklichen Absturz ihres Kameraden Fredrik Ericsson und wie sie mit der Tragödie fertig wird.
Der 6. August war ein schwarzer Tag für die Oberösterreicherin Gerlinde Kaltenbrunner. Die Alpinistin befand sich mit dem Schweden Fredrik Ericsson im Aufstieg zum Gipfel des K2 (8.611 m), als dieser in 8.200 m Höhe abrutschte und in den Tod stürzte. Die 39-Jährige brach ihre Expedition, die ihr den 14. Achttausender hätte bringen sollen, ab. Im Interview schilderte Kaltenbrunner den Vorfall.
Frage: Haben Sie schon ein wenig Abstand von den Geschehnissen gewinnen können?
Gerlinde Kaltenbrunner: Am Wochenende waren wir in den Schweizer Bergen unterwegs, da merke ich, das tut mir sehr, sehr gut, in der Natur unterwegs zu sein. Aber dann habe ich immer mal wieder Phasen, wo ich gedanklich noch am K2 bin. Das braucht jetzt halt Zeit, bis all die negativen Bilder wieder verblassen.
Was genau ist am 6. August passiert?
Zum Unglückszeitpunkt war der Fredrik ein bisschen vor mir. Im Flaschenhals auf gut 8.250 m Höhe wollten wir uns sichern. Der Fredrik wollte gerade einen Haken schlagen, um einen Standplatz herzurichten, als er im nächsten Moment an mir vorbeigeflogen ist. Mit ihm sind einige Steine gekommen, es muss ihm am Standplatz irgendetwas ausgebrochen sein. Er hat einfach Pech gehabt.
Was ging Ihnen durch den Kopf, als Fredrik Ericsson an Ihnen vorbei stürzte?
Ich habe es einfach nicht fassen können. Das ist auch alles so schnell gegangen. Er hat im Nu eine Irrsinnsgeschwindigkeit drauf gehabt. Da es noch neblig war, habe ich ihn auch binnen Sekunden aus den Augen verloren. Das war ein voller Schock, der begleitet dich den ganzen Tag. Das will man einfach nicht wahrhaben. Im ersten Moment habe ich gedacht, ich muss schauen, ober er irgendwo liegt. Ich habe im Abstieg nur einen Ski von ihm gefunden.
War der Gipfelversuch zu gewagt?
Nein, nicht gewagter als sonst auch. Wir sind ja eigentlich sehr vorsichtig unterwegs, aber wenn man hundertprozentig sicher gehen will, darf man auf diesen Berg nicht raufsteigen.
Ist Ihr "Verhältnis" zum K2 unwiederbringbar zerstört oder wird es ein Wiedersehen geben?
Das kann ich jetzt noch nicht beantworten. Jetzt ist wirklich das Gefühl im Vordergrund, dass ich einen Abstand vom K2 brauche. Ich weiß, dass die Zeit mit sich bringt, dass sich der Blick zum K2 wieder ändert. Ich werde spüren, ob es mich wieder dorthin zieht. Da verlasse ich mich auf mein Bauchgefühl.
Was sagen Sie Kritikern, die Ihre Expeditionen als verantwortungslos oder unnötig abtun?
Für Kritiker und Außenstehende, die gar nicht so den Einblick haben in das Profibergsteigen, ist es wahrscheinlich schwer nachzuvollziehen, was ich mache. Es ist immer leicht zu urteilen, das ist total unnütz. Für mich ist es eben nicht unnütz, mich erfüllt das, und auch wenn es manchmal tragische Momente gibt, bleibt das Bergsteigen für mich etwas Sinnvolles, ein erfülltes Leben. Natürlich kann man sagen, ich könnte etwas Sinnvolleres machen. Aber letztendlich ermöglicht mir das Bergsteigen, dass ich soziale Projekte in Nepal und Pakistan finanziell unterstütze.
Wie ist die Rückreise verlaufen? Was haben Sie vom Elend durch die Überschwemmungen in Pakistan mitbekommen?
Das war echt nochmal sehr tragisch. Ich war ja erstmal nur froh, das Basislager zu verlassen. Aber wir sind ja dann wirklich in eine echte Katastrophe gerannt. In der Folge sind wir durch ein Dorf gekommen, wo es den halben Ort weggerissen hat. Das war ein erschütternder Anblick. Dort haben Frauen und Männer versucht, ihr Hab und Gut auszugraben. Die haben sich wahnsinnig gefreut, als sie einen Kochtopf gefunden haben.
Was sind Ihre nächsten Pläne?
Wir werden Mitte Oktober nach Indonesien und Papua-Neuguinea fliegen. Dort wollen wir die Carstensz-Pyramide besteigen.
(APA)