Gewessler zur COP26: "Nicht ambitioniert genug"

Klimaministerin Leonore Gewessler vor Ort bei der COP26 in Glasgow. Hin und retour gings mit dem Zug via Brüssel, London bzw. Amsterdam.
Klimaministerin Leonore Gewessler vor Ort bei der COP26 in Glasgow. Hin und retour gings mit dem Zug via Brüssel, London bzw. Amsterdam.(c) Cajetan Perwein_BMK
COP26 Klimagipfel in Glasgow. Was er gebracht hat und wie es jetzt weiter geht. Klimaministerin Leonore Gewessler im "Heute"-Interview.

In den letzten Stunden einer Klimakonferenz geht es um jedes einzelne Wort. Dann verzetteln sich Delegierte in hitzigen Debatten darüber, ob etwas "gefordert", "angestrebt" oder nur "anerkannt" wird. Beim gerade zu Ende gegangenen Weltklimagipfel in Glasgow (COP26) war das nicht anders.

Noch in den letzten Minuten wurde das Bekenntnis im Abschlussdokument zum Ausstieg aus der Kohle und dem Ende fossiler Subventionen abgeschwächt. Vor allem auf Bestreben von Indien, China und Südafrika ist dort nun nicht mehr von "Ausstieg", sondern nur noch von "Abbau" die Rede. ­

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Wie viel Schweiß, Tränen und Verhandlungsgeschick es kostet, den größten gemeinsamen Nenner unter fast 200 Ländern zu finden, wird in den letzten Stunden des Gipfels sichtbar, wenn die Delegierten im Plenum stundenlang durcheinander schwirren, gestikulieren und in Pulks über die großen Knackpunkte diskutieren. Mitten drin: Österreichs Umweltministerin Leonore Gewessler.

Kaum ist der Klimagipfel aber vorbei, bleibt die Frage nach dem großen Ganzen. Was hat der Weltklimagipfel COP26 in Glasgow gebracht? Wurde wirklich alles gegeben? "Heute" fragt Klimaministerin Leonore Gewessler, die selbst vor Ort bis zur letzten Minute des Gipfels verhandelt hat, nach ihrer Einschätzung und vor allem auch danach, welche "Hausaufgaben" sie selbst bei ihrer Abreise mit der Bahn von Glasgow nach Wien mitnimmt.

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Klimaministerin Leonore Gewessler bei einer Pressekonferenz im September in Wien.
Klimaministerin Leonore Gewessler bei einer Pressekonferenz im September in Wien.Martin Juen / SEPA.Media / picturedesk.com

Die Erwartungen an die COP26 in Glasgow waren hoch. Sind sie für Sie, Frau Minister, in Erfüllung gegangen?

Die Weltklimakonferenz (=COP) ist der Ort, wo sich einmal im Jahr die ganze Welt trifft und den Klimaschutz ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellt. Das ist unglaublich wichtig. Wir brauchen diese Konferenz. Wo alle zusammenkommen und an einer Lösung arbeiten.

Wir haben diskutiert, wir haben viele Tage und Nächte verhandelt. Und wir haben ein Ergebnis - das ist wichtig. Wir haben die Begrenzung der Erderhitzung auf 1,5 Grad fest verankert. Aber ich muss auch sagen: die Schlusserklärung der COP ist nicht ambitioniert genug. Sie ist nicht das, was es gebraucht hätte und nicht das, wofür wir hart verhandelt haben.

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Was lief schief? Was hätte besser laufen können?

Vor allem die großen Emittenten wie China und Indien haben bis zum Schluss blockiert. Sie wollen an der dreckigen Kohle festhalten und weiter die klimaschädlichen fossilen Energien subventionieren. Sie haben die Ambitionen, die wir ursprünglich in der Abschlusserklärung hatten, abgeschwächt. Das ist gelinde gesagt enttäuschend. Denn im Klimaschutz, da können wir uns einfach kein Zaudern und Zögern mehr leisten. Da müssen wir mutig vorangehen.

Wo haben Sie Erfolge erzielt? Wo wurden Sie besonders enttäuscht?

Die Schlusserklärung der COP hat Licht und Schatten. Es ist gut, dass wir uns auf eine gemeinsame Basis einigen konnten. Denn uns läuft im Klimaschutz einfach die Zeit davon und wir konnten es uns nicht leisten, eine weitere COP ohne Ergebnis abzuschließen. Das haben auch die vielen Inselstaaten, die ja besonders von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind, ganz stark betont.

Wir haben die Begrenzung der Erderhitzung auf 1,5 Grad klar verankert und alle Staaten werden schon nächstes Jahr darüber beraten, wie sie ihre nationalen Klimapläne ambitionierter machen können. Und wir haben die offenen Enden vom Pariser Vertrag endlich auf den Boden gebracht.

Aber es ist natürlich enttäuschend, dass nicht mehr gelungen ist. Ich hätte mir mehr Ambition und ein stärkeres Bekenntnis zum Ausstieg aus den fossilen Energieträgern Öl, Gas und Kohle gewünscht. Diesen Weg gehen wir in Österreich, und das muss uns auch auf der ganzen Welt gelingen.

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Was wird das Erste sein, wenn Sie in Wien aus dem Zug steigen?

Die Verhandlungen auf der Weltklimakonferenz waren sehr intensiv. Das erste, was ich tun werde, wenn ich in Wien aussteige, ist in Ruhe einen Tee trinken (lacht).

Aber es ist auch klar: Das Ergebnis der Weltklimakonferenz in Glasgow ist nur ein nächster Schritt, ein Zwischenstand, die COP26 ist nicht das Endergebnis. Es ist die neue Basis, von der aus wir weiterarbeiten werden und zwar jeden Tag bis zur nächsten COP.

Denn im Kampf gegen die Klimakrise – das ist unsere historische Aufgabe, da geht es um unsere Lebensgrundlage. Und für die müssen wir uns mutig einsetzen.

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