4 Gründe

Warum wir ghosten – und die App auch schuld ist

Ghosting beim Online-Dating nimmt zu und erschwert die Partnersuche. Psychologen analysieren Ursachen und zeigen Wege aus dem Kreislauf auf.
Heute Life
28.04.2026, 14:16
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Ghosting ist beim Online-Dating mittlerweile leider keine Seltenheit mehr. Immer mehr Leute berichten davon, dass plötzlich jede Nachricht unbeantwortet bleibt und der Kontakt einfach abbricht – und das, obwohl man sich vorher schon gut verstanden hat. Aktuelle Studien zeigen, dass die Nutzung von Dating-Apps oft mit mehr Einsamkeit und psychischer Belastung einhergeht. Gleichzeitig berichten viele Nutzer von Ghosting-Erfahrungen.

Unter Ghosting versteht man den einseitigen, grundlosen Kontaktabbruch, obwohl schon ein wertvoller Austausch stattgefunden hat. Der Psychologe und Dating-Coach Guido F. Gebauer, Mitgründer der deutschen psychologischen Partnervermittlung "Gleichklang", hat in einem Fachtext und einem Video vier Hauptgründe für dieses Verhalten herausgearbeitet.

4 Gründe: Warum wir auf Dating-Apps ghosten

Erstens: Die Struktur der Dating-Plattformen spielt eine große Rolle. Durch die riesige Auswahl, das schnelle Swipen, die fehlende soziale Einbindung und Funktionen wie Blockieren fällt es leicht, Kontakte einfach zu beenden. Da es meist keine gemeinsamen Freundeskreise gibt, gibt es auch keine sozialen Konsequenzen – die Hemmschwelle sinkt.

Zweitens: Ghosting dient oft dem Selbstschutz. Man will unangenehmen Gesprächen, direkter Ablehnung oder Konflikten aus dem Weg gehen. Auch wer schlecht mit Unsicherheit umgehen kann, greift eher zum Ghosting. Kurzfristig fühlt man sich dadurch entlastet, langfristig leidet aber die eigene Beziehungsfähigkeit.

Drittens: Weil Ghosting mittlerweile so verbreitet ist, glauben immer mehr Leute, dass man niemandem mehr eine Erklärung schuldet. Das Verhalten wird als normaler Teil des Kennenlernens gesehen und setzt sich in der Gesellschaft fest.

Viertens: Wer selbst schon einmal geghostet wurde, macht es später oft selbst. Das eigene Erlebnis verschiebt die eigenen Grenzen und gewöhnt einen an den plötzlichen Kontaktabbruch. Ghosting wird so zu einem sich selbst verstärkenden Kreislauf.

Vergessen zu antworten – das "Pseudo-Ghosting"

Allerdings passiert Ghosting nicht immer absichtlich. Laut einer eigenen Umfrage unter 1.138 Gleichklang-Mitgliedern geben 5,9 Prozent an, dass sie eigentlich nur das Antworten aufgeschoben und es dann vergessen haben. Nach einer Zeit trauen sie sich dann nicht mehr, sich zu melden. Gebauer bezeichnet das als "Pseudo-Ghosting". Für die Betroffenen fühlt es sich aber genauso schlimm an. Deshalb empfiehlt Gebauer, bei scheinbarem Ghosting ruhig noch einmal selbst einen Versuch zu starten.

Ghosting schmälert Chancen auf Partnerschaft

Ghosting ist nicht nur lästig, sondern hat auch Auswirkungen auf die Chancen, einen Partner zu finden. "Studien zeigen, dass in den meisten Beziehungen in den Anfangsphasen Irritationen und Turbulenzen auftreten, deren Klärung eine Beziehung sogar vertiefen kann. Wird aber bereits beim Kennenlernen auf jede Irritation mit Ghosting reagiert, gehen Klärungschancen verloren und Beziehungschancen sinken."

Gebauer betont außerdem, dass mit dem Aufkommen der Dating-Apps die Zahl der Singles nicht gesunken, sondern sogar gestiegen ist. Er sieht darin einen Zusammenhang: "Es sind dieselben Strukturen der Dating-Plattformen, die sowohl Ghosting begünstigen als auch die Klärungsbereitschaft vermindern und dadurch zu steigenden Single-Raten führen. Dieselben Strukturen, die Ghosting fördern, senken auch die Bereitschaft, Konflikte zu klären. Das führt am Ende zu mehr Singles, nicht weniger."

Was können Ghoster & Geghostete tun?

Was kannst du tun, wenn du betroffen bist? Gebauer rät, die eigene Tendenz zur Vermeidung zu hinterfragen und nicht sofort den Kontakt abzubrechen. Es zahlt sich aus, auch schwierige Gespräche zu führen und Unsicherheiten auszuhalten. Gerade das macht tragfähige Beziehungen möglich. Außerdem empfiehlt er, Ghosting nicht als normalen Standard zu akzeptieren. Wer sich bewusst dagegen entscheidet, durchbricht den Kreislauf. Und: Bereite dich innerlich auf Ghosting vor, dann trifft es dich weniger hart. So kannst du offener bleiben und dich trotzdem wieder auf jemanden neuen einlassen.

Am Ende fasst Gebauer die psychologischen Erkenntnisse so zusammen: "Ghosting entsteht aus einem Zusammenspiel von Plattformlogiken, psychologischen Schutzmechanismen, schleichender Normalisierung und einem zyklischen Teufelskreis. Wer diese Mechanismen erkennt, kann bewusst anders handeln und den Mut aufbringen, Irritationen miteinander zu klären."

{title && {title} } red, {title && {title} } 28.04.2026, 14:16
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