Schweizer Festspiele waren die Wengen-Abfahrten zuletzt mit den Österreichern in den Nebenrollen. Marco Odermatt feierte drei Siege in Serie – und ist auch heuer der Top-Favorit auf der legendären Strecke.
"Odi" ist aktuell der Fitteste im Ski-Zirkus – auch im Kopf. Sein Oberkörper erinnert mich immer mehr an Hermann Maier, der heuer vom Schweizer Fernsehen ein Angebot als Vorläufer bekam und absagte.
Der "Herminator" hält sich öffentlich zurück. Wenn er etwas sagt, hat das aber Hand und Fuß. Diese Woche war er bei der "Hermann Maier Star Challenge" in der Primetime im Fernsehen zu sehen – in Österreich und in der Schweiz. Ein Millionenpublikum sah, wie es ihn sichtlich wurmte, dass Carlo Janka und Hans Knauß schneller waren als er und ihm bei Flutlicht seine allererste Niederlage am Heimhang in der Flachau zufügten.
Maiers Star Challenge durfte ich vor drei Jahren an der Seite von Silvia Schneider gewinnen. Ich habe es selbst erlebt, wie sich Maier als Gastgeber nicht wohlfühlte. Der "Herminator" ist nicht so gern unter Menschen. Er ist lieber allein in der Natur – und lässt seine Ski sprechen. Deshalb verehren ihn die Fans.
Große Sportler sind oft Einzelgänger. Bei Raphael Haaser hatte ich bei der Heim-WM in Saalbach das Gefühl, dass er ein ganz Großer werden kann. Sein Potenzial ist enorm, da bin ich sicher.
Zuletzt machte er aber – so wie Teamkollege Vincent Kriechmayr – viel zu viele unnötige Fehler. Ich warte darauf, dass Haaser die Rakete zündet. Am besten bei den Ski-Klassikern in Wengen und Kitzbühel oder bei Olympia im Februar auf der extrem selektiven Strecke in Bormio.
Kriechmayr hat schon gezeigt, dass er die Schweizer zwischen den Bergen Eiger, Mönch und Jungfrau ärgern kann. 2022 reiste er nach einer Corona-Erkrankung verspätet an, triumphierte dann ganz ohne Trainingsfahrt.
Wengen ist die längste Abfahrt im Weltcup, für mich war sie aber nie die anstrengendste. Die Streif in Kitzbühel ist Action pur, es geht Schlag auf Schlag ab dem Starthaus. In Wengen ist alles langsamer, hast du beim Fahren sogar Zeit zum Nachdenken. Das macht das Gewinnen aber nicht einfacher.
Die Risikobereitschaft entscheidet in Wengen weniger als eine Woche später in Kitzbühel. Es ist völlig normal, dass Kriechmayr sich mit 34 Jahren schwerer tut, alles zu riskieren.
Bei mir war es noch schlimmer: Ich hatte in Kriechmayrs Alter keine Kraft mehr für Siege. Die letzten Jahre meiner Karriere verbrachte ich mehr mit Reha als am Skihang. Es war der Preis für das kompromisslose Training ganz ohne Rücksicht auf Verluste. Den zahle ich heute noch.