Es sind Bilder, die viele eher aus den USA kennen: Eine dunkle Gewitterwolke, darunter ein rotierender Trichter, dann eine wirbelnde Säule bis zum Boden. Doch dieses Mal traf es nicht einen Ort in der amerikanischen Tornado Alley, sondern Südfrankreich.
Am Montag, 24. August, zog gegen 17.20 Uhr ein solcher Tornado durch die Gemeinde Pomas im Département Aude, südlich von Carcassonne. Der Ort mit rund 1.000 Einwohnern wurde schwer getroffen. Dächer wurden abgedeckt, Bäume entwurzelt, Straßen blockiert, hunderte Häuser beschädigt oder teilweise zum Einsturz gebracht.
Die Österreichische Unwetterzentrale (UWZ) ordnet den Wirbelsturm nun deutlich ein. Der Tornado sei aus einer Superzelle entstanden, die zusätzlich Hagel mit bis zu fünf Zentimetern Durchmesser brachte. "Tornados sind in Europa gar nicht so selten, wie man denkt", heißt es in der Einschätzung. Jedes Jahr würden mehrere Hundert registriert. Die meisten seien aber kurzlebig und schwach. Dieser Fall sei anders: "Solche spektakulären Bilder würde man eher aus Oklahoma oder Kansas erwarten als aus Südfrankreich."
In Pomas selbst wurden 39 Menschen verletzt, zwei davon lebensgefährlich. Zunächst war von 41 Verletzten die Rede gewesen. 15 Menschen mussten demnach im Spital behandelt werden. Besonders dramatisch: Eine schwangere Frau wurde unter ihrem einstürzenden Haus begraben. Ihr Ehemann berichtete, sie habe überlebt, weil sie durch ein Sofa geschützt worden sei.
Auch in der Umgebung von Pomas waren die Spuren des Tornados deutlich zu sehen. Auf Feldern lagen kaputte Liegestühle, Absperrgitter und Isoliermaterial. Aufnahmen aus dem Nachbardorf Cépie zeigen, wie sich der Tornado unter einer dunklen, tief hängenden Gewitterwolke formte und später in Richtung bebauter Gebiete zog.
"Ich konnte mir das Ausmaß der Zerstörung nicht vorstellen. Das halbe Dorf ist zerstört", sagte ein 65-jähriger Bewohner des Nachbarorts Rouffiac d'Aude namens Pierre. Er beschrieb den Tornado als einen "riesigen rot-gelben Schornstein", der sich wirbelnd in die Höhe schraubte.
"Es gibt dort eine riesige Burg, von der ein Drittel eingestürzt ist – obwohl diese Steine schon seit 1.000 Jahren stehen", schildert er im Gespräch mit "ICI Occitanie" weiter. "Wir sind am Boden zerstört, fassungslos. Ich habe also schon einiges gesehen, aber das ist etwas ganz anderes."
"Ich hörte diesen ohrenbetäubenden Lärm … dann sah ich, wie alles durch die Luft flog, und mein Dach stürzte über meinem Kopf ein", berichtete die geschockte Anwohnerin Chantal dem französischen Rundfunk. "Ich habe kein Haus mehr, das steht fest … Ich hatte wirklich große Angst. Ich dachte, das war’s, das ist meine letzte Stunde."
Die Einsatzkräfte standen mit einem Großaufgebot in der betroffenen Gemeinde im Einsatz. Sie suchten nach möglichen Verschütteten, sicherten einsturzgefährdete Gebäude und räumten Straßen frei. Viele Bewohner mussten in Notunterkünften oder in Nachbargemeinden unterkommen.
Die Unwetter hatte Auswirkungen weit über Pomas hinaus. In Südfrankreich kam es zu Zugverspätungen, Straßensperren und Problemen an mehreren Flughäfen, darunter Nizza, Bordeaux, Marseille, Toulouse und Paris. Auch die Vuelta a España war betroffen: Die dritte Etappe im Département Aude musste wegen Hagels abgebrochen werden.
In Frankreich treten im Schnitt mehrere Dutzend Tornados pro Jahr auf. Meist sind sie deutlich kurzlebiger und schwächer als jene, die aus den USA bekannt sind. Ob der Klimawandel Häufigkeit und Intensität solcher Tornados beeinflusst, ist wissenschaftlich noch nicht geklärt.