Mit ihrem mystischen Auftritt beim ersten Eurovision-Halbfinale sorgte die kroatische Girlgroup Lelek für Gänsehaut. Neben den kraftvollen Stimmen und der düsteren Inszenierung fiel vielen Fans sofort ein Detail auf: die markanten Tätowierungen der Sängerinnen. Doch hinter den Symbolen steckt weit mehr als nur ein stylischer Look.
Schon vor dem ESC-Auftritt verriet der Chef der kroatischen Delegation, Tomislav Štengl, wie aufwendig die Vorbereitung der Sängerinnen sei. "Die Mädchen haben wegen der Tattoos und Frisuren ein sehr aufwendiges Make-up. Die Vorbereitungen beginnen bereits fünf bis sechs Stunden früher", erklärte er. Viele Zuschauer fragten sich danach: Was bedeuten die geheimnisvollen Zeichen eigentlich?
Einige Fans seien der Ansicht, es würde sich um okkulte Zeichen handelt. Mariahilfer FPÖ-Obmann Leo Lugner sieht ein starkes Zeichen gegen Massenzuwanderung. Der israelische Sender KAN geriet kürzlich in die Kritik, weil er sich über die Gesichtsbemalung lustig gemacht hat. Doch was steckt wirklich dahinter?
Die Antwort ist bewegend. Die Tätowierungen der Lelek-Sängerinnen sind eine direkte Anspielung auf das sogenannte "Sicanje" – einen fast vergessenen Brauch katholischer Kroatinnen aus Bosnien und Herzegowina.
Dabei handelt es sich um traditionelle Tätowierungen, die Frauen und Kinder früher als Schutz trugen. Die Symbole galten nicht nur als religiöses Zeichen, sondern auch als Ausdruck von Identität, Widerstand und Zugehörigkeit.
Für die Künstlerinnen von Lelek steht der Körper damit symbolisch für einen Ort, "an dem sich Geschichte eingeschrieben hat". Die Tattoos sollen an Generationen von Frauen erinnern, die Gewalt, Unterdrückung und Verlust erleben mussten.
Der Brauch geht bis in die Zeit der osmanischen Herrschaft zurück. Nachdem Bosnien 1463 unter osmanische Kontrolle gefallen war, wurde das Tätowieren für viele katholische Familien zu einer Überlebensstrategie.
Vor allem Kinder wurden tätowiert, um sie vor dem berüchtigten "Bluttribut" zu schützen. Dabei verschleppten die Osmanen christliche Jungen, zwangen sie zur Konversion zum Islam und bildeten sie zu Janitscharen-Soldaten aus.
Besonders häufig wurden Mädchen und junge Frauen tätowiert. Die Zeichen sollten ihre Herkunft sichtbar machen und sie vor Zwangsassimilation bewahren.
Heute ist der Brauch nahezu verschwunden. Umso mehr Aufmerksamkeit bekam das Thema nun durch den Eurovision-Auftritt von Lelek.
Mit ihrer Performance zu "Andromeda" verbindet die Gruppe moderne Popmusik mit historischen Symbolen und kultureller Erinnerung. Viele ESC-Fans feiern genau diese Mischung aus düsterer Ästhetik, Balkan-Folklore und starker Botschaft.
Die Tattoos sind deshalb nicht bloß Teil eines Bühnen-Outfits – sondern ein Denkmal für Frauen, deren Geschichte nie vergessen werden soll.