Nach einer langen und harten Reise bekamen Ally und David (Pseudonyme der BBC) aus Singapur endlich ein Adoptivkind. Sie wussten sofort, dass Marcus zu ihnen gehörte. Doch jetzt könnte es sein, dass sie ihren Sohn wieder verlieren. Denn möglicherweise ist er einer von mindestens 20 illegal eingeführten Kindern aus Indonesien.
David und Ally wenden sich mit dieser Geschichte an die BBC, in der Hoffnung noch eine Chance zu haben.
Das Paar hatte schon lange einen starken Kinderwunsch. Nachdem Ally einige Fehlgeburten durchlebte, entschieden sich die beiden zu adoptieren. Die Warteschlange für Adoptionen in Singapur ist jedoch sehr lange, weshalb sie sich dazu entschieden, sich im Ausland umzusehen. Sie fanden eine lokale Agentur, die sich auf Babys aus Indonesien spezialisierte.
Einige Wochen später organisierte die Agentur einen Videoanruf mit den "leiblichen Eltern". Plötzlich lächelte ein kleines Baby in die Kamera. David und Ally waren sofort hin und weg. Sie nahmen mehrere tausend Dollar in die Hand und ein paar Monate später kam Marcus zu ihnen nach Singapur. "Wir waren nervös, hatten Angst, waren aber glücklich", erzählt David.
Die Adoption wurde schnell genehmigt und sie mussten nur noch seine Staatsbürgerschaft beantragen. Als die Einwanderungsbehörde sie um ein Gespräch bat, erwarteten sie zunächst gute Nachrichten. Stattdessen wurde ihre Welt auf den Kopf gestellt. Die Staatsbürgerschaft wurde abgelehnt: Ihr Marcus sei womöglich ein Opfer von Menschenhandel.
Das Paar war fassungslos. Sie hatten das Gefühl, die Behörden hätten zu wenig getan. Zu wenig aufgepasst. Zu wenig geprüft.
Insgesamt 19 Personen stehen nun in Westjava vor Gericht. Ihnen wird vorgeworfen, Kinder illegal erworben zu haben, um sie dann ins Ausland zu verkaufen. Alle Dokumente waren gefälscht, um es wie eine rechtmäßige Adoption aussehen zu lassen.
Einer Indonesierin namens Lie Siu Luan wird vorgeworfen, die Anführerin der "Bande" zu sein. Sie gab zu, sämtliche Babys an vier Kontaktpersonen vermittelt zu haben. Für jedes Kind bekam sie mindestens 14.000 US-Dollar. Die Säuglinge wurden dann nach Pontianak auf Borneo gebracht, wo sich Babysitter um sie kümmerten. Manche Mitglieder des Rings gaben sich als die leiblichen Eltern aus und führten Videoanrufe mit potenziellen Adoptiveltern. Die Staatsanwaltschaft forderte fünf bis zehn Jahre Freiheitsstrafe.
Nach dem jüngsten Fall wurde die Causa auch zum Fall für das Parlament in Singapur. Ein Abgeordneter wies darauf hin, die Adoptionsagentur hätte die Quellen viel schärfer kontrollieren müssen. Sie haben die Überprüfungen nicht sorgfältig durchgeführt — die Adoptiveltern trifft keine Schuld. Doch das Ministerium für Soziales und Familienentwicklung (MSF) findet, die Adoptiveltern hätten ebenfalls ihr Sorgfaltspflicht verletzt.
David und Ally wäre kein einziges Mal in den Sinn gekommen, dass Marcus ein Opfer von Menschenhandel sein könnte. Es war ihr erste Adoption: "Die Beamten sind die Experten auf diesem Gebiet und können beurteilen, ob das rechtmäßig ist. Sie haben Tag für Tag mit so vielen Adoptionen zu tun. Nicht wir."
In Indonesien ist dieser Fall nur einer von 7 Kinderhandelsringen, gegen die die Behörden letztes Jahr ermittelt haben. Ein Netzwerk aus Yogyakarta auf der Insel Java soll mit mindestens 66 Babys gehandelt haben. Während einige Eltern ihre Kinder aus Not hergeben, werden andere sogar dazu genötigt.
Im Prozess in Westjava berichtete Dani Hidayat, dass er sein fünftes Kind aus finanziellen Gründen nicht mehr versorgen konnte. Über eine Facebook-Gruppe kontaktierte ihn eine Frau, die Interesse an seinem Baby hatte. Er erhielt von ihr insgesamt sieben Millionen Rupiah (rund 390 US-Dollar), aufgeteilt in zwei Zahlungen. Die Frau war Vermittlerin eines Menschenhandel-Rings. Als er seine zweite Zahlung nicht bekam, meldete er den Vorfall der Polizei. Die Behörden nahmen die Frau fest und fanden auf ihrem Handy ein dutzend Babys, die sie in Singapur und Indonesien vermittelt hatte. Hidayats Sohn wurde gefunden und befindet sich in der Obhut der Sozialbehörden.
Laut Kinderaktivisten, ginge es nicht darum, WER die Babys verkauft, sondern WARUM. Es müsse mehr getan werden, um die Eltern am Verkauf ihrer Kinder zu hindern.
David und Ally stellen sich nur mehr eine Frage: Was wird aus Marcus? Darf er bleiben? Indonesische Menschenrechts-Aktivisten argumentieren, dass Opfer von Kinderhandel grundsätzlich wieder zurück zu ihren leiblichen Eltern müssen. Ein Psychologe erwiderte jedoch, dass ein hohes Risiko für Traumata und psychische Probleme bei den Kindern bestehe.
„Ich werde ihn nicht aufgeben. Jedes Elternteil würde bis zum Schluss kämpfen.“DavidAdoptiv-Vater von Marcus zur BBC
Bis jetzt wollen sich die Behörden in Singapur nicht dazu äußern, ob die Babys bleiben dürfen. Doch David und Ally geben nicht auf. Sollte Marcus zurück nach Indonesien kommen, würde David alles dafür tun, um ihn rechtmäßig wieder zu adoptieren.