Ibiza-Aufdecker vor Uni-Auftritt von Polizei befragt

Bei einem Gastspiel an der Universität Wien gaben die Aufdecker der Ibiza-Affäre Anekdoten und praktische Erfahrungen aus dem Recherche-Alltag zum Besten.
Für Bastian Obermayer und Frederik Obermaier, Investigativ-Journalisten bei der "Süddeutschen Zeitung" in München, begann der Montag mit einer Befragung durch die österreichische Polizei. Zum Ibiza-Video, das den beiden sowie dem Kollegen vom "Spiegel" zugespielt wurde und letztlich zum Scheitern der türkis-blauen Regierung führte, konnten sie den Beamten freilich wenig erzählen. Quellenschutz, wie die beiden auch in ihrem Buch über die Affäre immer wieder betonen.

Die Herren Obermayer und Obermaier waren nach Wien gekommen, um die erste von drei Vorlesungen im Rahmen der Theodor-Herzl-Dozentur für Poetik des Journalismus an der Universität Wien zu halten. Unter dem Thema "Enthüllungsjournalismus – was steckt dahinter?" geben die "Piefkes, die zufällig auch noch Namen haben, die ziemlich gleich klingen" (Zitat Obermaier) Einblicke in ihre Arbeit.

Von Panama bis Ibiza



Sie erhielten nicht nur jene Aufnahmen, die den nun ehemaligen Vizekanzler der Republik, Heinz-Christian Strache, im Ruderleiberl, rauchend und Wodka-Red-Bull-schlürfend bei fragwürdigen Aussagen zeigen, sondern deckten etwa mit den Panama und Paradise Papers wesentlich weniger skurrile, schmutzige Geschäfte auf.

CommentCreated with Sketch.6 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Denn so unterhaltsam wie in der Ibiza-Affäre sei das Material selten, räumten die beiden mit einem Schmunzeln vor einem komplett gefüllten Audimax mit 750 Sitzplätzen ein. So voll sind Publizistik-Vorlesungen meist nur beim ersten Vortrag eines neuen Jahrgangs. Genau genommen waren es diesmal sogar noch mehr Zuseher. Aufgrund des großen Andrangs wurde die Vorlesung per Video-Stream in einen zweiten Hörsaal übertragen.

Seitenhieb



Die Erzählung des Ibiza-Abends im Schnelldurchlauf zum Einstieg geriet fast zum Kabarett. Die Journalisten ernteten unter anderem Lacher für die Erwähnung von Straches Getränk (Wodka Red Bull) und seine mittlerweile ikonische Beschreibung der vermeintlichen Oligarchennichte ("Bist du deppert, is die schoaf!").

Seitenhieb gegen den gefallenen FPÖ-Chef bei der Erklärung, dass die "SZ" nicht für Informationen bezahle: "Auch nicht für Pool-Reinigung und Gucci-Taschen." Natürlich in Anlehnung an die Spesen-Affäre. Strache bestreitet die Vorwürfe, er habe der FPÖ Privatausgaben untergejubelt. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Und auch Obermayers Schilderungen, wie er an einem Abend gleichzeitig seine an Magen-Darm-Effekt laborierende Familie pflegte und den Kontakt zu jenem Whistleblower aufbaute, der die Panama Papers auffliegen ließ, hatten einen gewissen Unterhaltungswert.

Lose-Lose-Situation



Doch ganz seriös erklärten die Aufdecker ihre Arbeitsweise und den Umgang mit heiklem Material. Im Fall der Ibiza-Veröffentlichung befanden sie sich angesichts der EU-Wahl in einer Lose-Lose-Situation. "Wenn wir das vor der Wahl veröffentlichen, wird jeder Mensch rechts der Mitte sagen, dass wir nur die Wahl beeinflussen wollten", so Obermayer. Umgekehrt wären alle anderen aufgebracht gewesen, wenn die Enthüllung nach der Wahl gekommen wäre. Die Lösung: "Wir sagten, dass wir so tun, als würde es diese Wahl nicht geben." Wie die Geschichte zeigt, beendete das Investigativ-Team die Recherche vor der Wahl.

Um dem "Fake-News-Geplärr", wie es sein Kollege Obermaier nennt, etwas entgegensetzen zu können, ließen die Journalisten übrigens einen Anwalt, den sie zuvor noch nie beauftragt hatten, das "SZ"-Transkript und das Video des Ibiza-Abends abgleichen. Sollte der Fall einmal vor Gericht landen, könne dieser als Zeuge unter Wahrheitspflicht die korrekte Abschrift der Äußerungen bestätigen.

"Einbahnstraße"



Das Verhältnis von Quellen zu den Investigativ-Journalisten der "SZ" fasste Obermayer als "Einbahnstraße" zusammen. Die Reporter versprechen nichts – weder eine Veröffentlichung noch eine Vorlage des Textes oder Geld – und fordern dafür jede Menge Informationen und auch Belege für die Behauptungen. "Wir sitzen nicht im selben Boot", so Obermayer. Man sage nur sehr wenig zu, etwa Beratung in Sicherheitsfragen und den Quellenschutz unter allen Umständen. Einige Journalistenkollegen seien dafür schon in Beugehaft gesessen.

An zwei weiteren Montagen, dem 9. und 16. Dezember, sprechen Bastian Obermayer und Frederik Obermaier erneut im Audimax der Uni Wien. Dann geht es um "Chancen und Grenzen kollaborativer Recherchen" sowie "legale und illegale Angriffe auf investigative Recherchen, und wie man sich davor schützt".

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