"Ich bin schon mit Babyspucke ins Büro gegangen"

Im vierten Teil der „Öffi-Talks“ begleitete "Heute" ÖVP Wien-Chef Gernot Blümel nach Ottakring. Und erfuhr so manches über seine Styling-Probleme.

Wir treffen Finanzminister und Spitzenkandidat der ÖVP Wien Gernot Blümel vor der ÖVP-Zentrale in der Lichtenfelsgasse (City). Auf dem Weg zur Station der Straßenbahnlinie 2 beim Rathaus erzählt er uns, dass er regelmäßig, aber meistens privat, mit den Öffis und seiner Jahreskarte unterwegs ist. "Zum Beispiel, wenn ich im Sommer zum Wakeboard-Lift an der Neuen Donau fahre", so Blümel.

Die Strecke mit der Bimlinie 2 vom Rathaus (City) bis zur Wattgasse (Ottakring) hat Blümel gewählt, da er dort mit einem Unterstützer-Pärchen der ÖVP zusammentrifft. Das Ehepaar Berta (80) und Josef Kröll (79) reinigt freiwillig und mehrmals die Woche ÖVP-Plakate, dafür will Blümel Danke sagen.

Farblich passende OP-Maske "aus dem 50er-Packl"

Eine persönliche Schutzmaske hat sich der 38-jährige Politiker nicht angeschafft, er ist in der türkis-blauen "klassischen OP-Maske aus dem 50er-Packl" unterwegs. "Passt aber gut zur Parteifarbe", grinst er. Nicht nur beruflich mahnt er immer wieder zur Einhaltung der Sicherheitsmaßnahmen gegen das Coronavirus, er bemüht sich auch privat ein Vorbild zu sein. "Ich halte mich natürlich an alle Regeln und versuche einen Beitrag zu leisten, dass man andere nicht gefährdet und ansteckt. Das heißt Masken tragen, Abstand halten und keine großen Feiern, so schwer das auch fällt."

Angekommen bei der Bim-Station wird Blümel von den ersten Passanten erkannt und begrüßt. Die ersten Selfie-Wünsche folgen kurz darauf. Kein Wunder, denn als Finanzminister hat Blümel mittlerweile einen sehr hohen Bekanntheitsgrad. Leicht zu erkennen ist Blümel auch wegen seines stets stylishen Auftritts. Fixer Bestandteil des Minister-Outfits sind auch die türkisen Socken ("ich versuche die immer nachzukaufen, weil sich die schnell auswaschen"), die passende türkise Krawatte ist bisher aber am exakten Farbton gescheitert: "Wenn man das falsche Türkis erwischt, kann das sehr knallig wirken. Darauf achte ich schon".

"Natürlich lümmle ich, wie jeder andere auch, zuhause in der Jogginghose und im T-Shirt am Sofa".

Weniger Styling-Probleme hat der private Gernot Blümel: "Natürlich lümmle ich, wie jeder andere auch, zuhause in der Jogginghose und im T-Shirt am Sofa". Wer jetzt aber auf eine "Schattenseite mit Grunge-Style" hofft, der wird enttäuscht. Der Minister klärt auf: "Es ist eine frisch gewaschene Trainingshose". Ist auch mit einem Baby zuhause wesentlich praktischer als der edle Zwirn. Seit mittlerweile sieben Monaten ist Blümel Vater einer Tochter. Das Wickeln hat er schnell gelernt, mit den gängigen Windeln sei das aber auch "keine Raketenwissenschaft" lacht er.

Wickeln lernen leichter als Lösung der Coronakrise

Ganz so leicht hat es der ÖVP-Politiker aber nicht immer. Deutlich schwieriger sei es aber im Frühjahr zur Hochphase der Corona-Pandemie gewesen. "Das war eine herausfordernde Situation, als wir noch nicht gewusst haben, wie intensiv die Krise werden wird. Es hat auch keine Möglichkeit gegeben, Benchmarking zu betreiben (also Vergleiche heranzuziehen, Anm.). Normal wenn man vor einem Problem steht, das man lösen muss, schaut man, wie machen das andere Länder? Welche internationalen Lösungsmodelle gibt es? Im Frühjahr gab es aber schlicht und ergreifend keine, weil niemand gewusst hat, wie schlimm die Krise wird und wie lange es dauern wird", erinnert sich der Minister.

Die Bundesregierung habe dann versucht, mit Hausverstand und Unterstützung der Wissenschaft vorzugehen. "Das wichtigste war für uns Menschenleben zu retten. Daher haben wir geschaut, dass das Gesundheitswesen nicht überlastet wird und dass wir es schaffen, dass möglichst wenige Menschen in Mitleidenschaft gezogen werden". Danach habe die Bundesregierung versucht, möglichst viele Maßnahmen zu setzen, um Unternehmen und Arbeitsplätze durch die Krise zu bekommen.

Auf der ersten Welle der ÖVP-Plakate blickt Blümel den Wienern eher ernst entgegen. Damit wollte die Partei den Ernst der Lage, etwa im Bereich der Sicherheit und Integration vermitteln und gleichzeitig Blümels Entschlossenheit bei der Lösung der Probleme signalisieren. Erst auf den Plakaten der letzten und dritten Welle zeigt Blümel sein Lächeln. Wir wollten wissen, wie oft am Tag er wirklich lacht. (Offenbar öfter als gedacht, denn schon die Frage löst ein Lachen aus). "Ich lache privat momentan sicher öfter als beruflich. Denn in einer Krise wie jetzt gibt es nicht allzu viele lustige Situationen. Aber ich hoffe, das wird wieder besser".

Blümel lacht privat öfter als beruflich - "Heute" hilft gerne

Und "besser" wurde es im Laufe des Öffi-Talks schneller als gedacht. Gleich mehrmals schaffen wir es auf der rund 20-minütigen Fahrt, den sonst so kontrollierten Minister zum Lachen zu bringen. Etwa mit der Frage nach seinem liebsten Wiener Schimpfwort. Blümel überlegt, entscheidet sich für "Oida". Das kleine Wörtchen ("das ist ja auch so vielseitig einsetzbar. Man kann es fragend formulieren, man kann es schimpfend oder vorwerfend formulieren. Es ist einfach das universalste Wort, das es gibt", grinst Blümel) komme dem Politiker im Laufe einer Woche sogar "oft" über die Lippen.

Seinen Humor beschreibt Blümel als "wienerisch": "ein bisschen sarkastisch und manchmal ein bissl grantelnd".  Zum Einsatz kommt das etwa dann, wenn sich der Minister in Notlügen flüchten muss, zuletzt mit der Antwort "Das hat gut geschmeckt". Welche Speise seine Geschmacksknospen beleidigt habe und wer der unglückselige Koch war, will Blümel aber nicht verraten, "ich will niemanden beleidigen". Bei der Frage nach "der oder das" Knödel geschieht etwas, das nur selten vorkommt: Blümel wird unsicher. Ganz der Finanzminister denkt er sofort an "des Knedl", also das Geld. Als dann die zweite Bedeutung, nämlich Knödel als Speise dazu kommt, zögert Blümel: "Aaah. Beim Essen … der Knödel? Vom Gefühl her, der Knödel".

Seinen ersten Wahlkampf als Spitzenkandidat erlebt Blümel als etwas, das extrem Spaß machen, aber auch sehr anstrengend sein kann. Wenn man Zuspruch bekommt, könne das viel Energie geben, wenn es aber nicht so läuft, dann raube das schnell Energie. "Das ist aber auch das Spannende an Wahlkämpfen, dass sie nicht eindimensional sind, sondern eben alles dabei ist".

"Wenn meine Tochter runter spuckt, merke ich das nicht immer".

Kondition für die Politik und den Wahlkampf holt sich Blümel beim Sport: Neben dem Wakeboarden geht er auch regelmäßig laufen. "Es tut als Politiker gut, wenn man fit ist, weil die Arbeitstage doch recht lange dauern". Wenn ein Außerirdischer Blümel zusehen würde, würde der sehen: "Aufstehen, frühstücken, ins Büro fahren, arbeiten, heimkommen. Vielmehr gibt es da im Moment nicht", so Blümel. Zeit zum Kuscheln mit Tochter Josefine (wurde gerade sieben Monate alt) nimmt sich der Jungpapa vor allem in der Früh. Auf die Frage, wie oft er schon mit Babyspucke am Kragen ins Büro gegangen ist, lacht Blümel: "Oft, oft. Wenn ich mich verabschiede, dann nehme ich meine Tochter hoch und wenn sie dann runter spuckt, merke ich das nicht immer".

Blümel sieht Angriffe auf "9-Prozent-Partei" als Zeichen der Relevanz

Trotz der geringen Zeit für die Familie und nach mehreren Elefantenrunden und TV-Konfrontationen ist Blümel noch nicht diskussionsmüde. "Am häufigsten habe ich bisher mit Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ, Anm.) diskutiert, das könnten wir noch ein paar Mal machen", grinst er. Dass er in den Diskussionen vor allem auf die Rolle des Bundesministers und die Maßnahmen der Bundesregierung während der Coronakrise angesprochen wird und er selbst kaum dazu kommt, über seine Ideen für Wien zu reden, stört Blümel nicht. "Ich glaube, das ist ganz normal, wenn man so eine gewichtige Rolle ausüben darf".

Es sei aber bemerkenswert, dass zum Beispiel in einer Elefantenrunde alle die ÖVP angreifen, "dabei sind wir die 9-Prozent-Partei." Es habe sich in den letzten Jahren eingebürgert, dass alle versuchen sich an Türkis zu reiben, "aber ich empfinde das als Zeichen der Relevanz. Auf jeden Fall besser, als wenn sich keiner für dich interessiert".

Neben einem Wirtschaftsstudium hat Blümel auch Philosophie studiert. Er gibt zu, dass "wenn man immer alles besser weiß, vieles verloren geht". Blümel bezieht "die Anmaßung des Wissens" zwar auf den Versuch, Naturwissenschaft auf Sozialwissenschaft umzulegen, in der Politik gilt das wohl aber auch.

"ÖVP war schon immer Mitte-Rechts. Aber die Aufmerksamkeit für gewisse Themen ist gestiegen".

Dass die ÖVP, die im heurigen Wahlkampf auf Themen setzt, die auch auf Plakaten der FPÖ oder dem Team Strache nicht fehlplatziert wirken würden, weiter nach rechts rutscht, sieht Blümel nicht. Er sei hingegen "ein bisschen überrascht", wenn andere überrascht sind, dass die ÖVP eine Mitte-Rechts-Partei ist. "Wir waren ja immer eine Mitte-Rechts-Partei. Das steht sogar im Statut der Europäischen Volkspartei". Das sei nichts Neues, er glaube aber, dass die Aufmerksamkeit für Themen wie Sicherheit und Integration in den letzten Jahren einfach gestiegen sei. Gerade in Wien sei es nach der Flüchtlingswelle 2015 zu Versäumnissen in der Integrationspolitik gekommen. Auch aufgrund der aktuellen Umverteilungsdebatte seien diese Themen jetzt mehr da und bräuchten Antworten. Diese will die ÖVP geben.

In Wien will die ÖVP "möglichst viel von den türkisen Ideen umsetzen", betont Blümel. Welcher Posten – den Finanzstadtrat oder den, von der ÖVP im Wahlkampf geforderten, Sicherheitsstadtrat – er im Falle einer Regierungsbeteiligung der ÖVP beanspruchen würde, will Blümel nicht sagen. "Die Postenvergabe steht immer am Ende von Verhandlungen".

Aus den vergangenen Koalitionsverhandlungen habe er gelernt, dass immer die Partei, die am meisten bei der Wahl zulegen konnte, auch am meisten umsetzen konnte, "weil das moralisch-demokratische Gewicht ein anderes war", erklärt der Minister.

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