"Ich war 19 Jahre mit einer Frau verheiratet und habe zwei Kinder. Dabei bin ich schwul." Mit diesen ehrlichen Worten meldet sich Y. auf einen Aufruf, bei dem Menschen dem Schweizer Nachrichtenportal "20 Minuten" ihre größten Geheimnisse teilen.
Schon als Bub, mit zwölf Jahren, wusste Y., dass er schwul ist. Doch in seiner Familie und in der Gesellschaft war das damals nicht akzeptiert, schildert er. Also hat er seine Gefühle verdrängt und tief in sich vergraben. Dieses Geheimnis durfte niemand erfahren.
So lebte Y. jahrzehntelang. "Am Anfang war für mich klar: Es darf nicht sein, dass ich homosexuell bin. Es war eine andere Zeit als heute." Er führte Beziehungen mit Frauen, heiratete, als seine Freundin schwanger wurde, und wurde Vater von zwei Kindern.
Wenn Y. heute auf diese Zeit zurückblickt, mischen sich die Gefühle. "Meine Kinder sind das Beste, was mir je passiert ist. Ich bin unglaublich stolz auf sie. Darum bereue ich auch den Weg nicht, den ich gegangen bin. Denn sonst gäbe es meine Kinder nicht."
Gleichzeitig war es emotional extrem fordernd. "Ich habe früh gelernt, zu schauspielern und mein Innerstes zu verleugnen. Das war extrem belastend." Viele Situationen hat er erlebt, in denen er nicht er selbst sein konnte. "Wenn ich mit Freunden unterwegs war und sie eine attraktive Frau wahrnahmen, guckte ich mit. Obwohl es mich komplett kalt ließ."
Seine Gefühle für Männer hat Y. tief vergraben. "Es wäre mir auch nie in den Sinn gekommen, heimlich Männer zu treffen. Dafür bin ich viel zu konservativ. Ich hätte meine Frau niemals betrogen."
Nach fast 20 Jahren Ehe zerbrach die Beziehung zur Mutter seiner Kinder trotzdem. "Wir trugen beide Schuld daran. Aber ich habe sie nie geliebt und ich denke, dass sie das gespürt hat." Auch nach der Trennung behielt Y. sein Geheimnis für sich. Der Gedanke, schwul zu sein, war für ihn zu tief mit Schuld und Verbot belegt. Er spielte weiter seine Rolle – bis es irgendwann nicht mehr ging.
Das Outing kam dann ganz unerwartet. "Eines Tages brach es aus mir raus, ich konnte es nicht mehr abstreiten. Als Erstes erfuhr es mein bester Freund." Dessen positive Reaktion gab ihm Mut, offen mit seiner Sexualität umzugehen. "Am Anfang war es extrem schwierig, aber danach verspürte ich ein Gefühl der brutalen Erleichterung."
Dass Y. schwul ist, hätte in seinem Umfeld niemand gedacht. "Es waren alle sehr überrascht. Aber es haben alle sehr positiv reagiert." Besonders das Verhältnis zu seinen Kindern hat sich durch das Outing verbessert.
"Vor allem mein ältestes Kind haderte mit der Trennung und machte mich dafür verantwortlich. Es dachte, dass ich vielleicht fremdgegangen sei. Seit ich offen erzählt habe, wer ich bin, verstehen wir uns wieder viel besser."
Sein Leben hat sich insgesamt zum Positiven verändert. "Heute kann ich sein, wer ich bin, und sagen, was ich denke, zum Beispiel, wenn ich einen hübschen Mann sehe." Eine Beziehung hat sich für den 54-Jährigen bisher noch nicht ergeben. "Manchmal fühle ich mich eingeschüchtert von anderen Männern. Sie sind seit 30 Jahren geoutet, für sie ist das ganz normal. Für mich ist es immer noch etwas neu."
Am wohlsten ist Y., wenn er sich bewusst weiblich anzieht und Make-up trägt – als "Femboy". "Im Job mache ich das natürlich nicht, aber privat immer öfter. Wenn ich mich schminke und hübsch mache, kann ich endlich ich selbst sein."