US-Präsident Donald Trump reklamiert für sich einen "totalen und vollständigen Sieg" über den Iran. Auf seinem sozialen Netzwerk Truth Social fantasiert er einen "sehr produktiven Regimewechsel" herbei – dabei regieren immer noch die Mullahs, dem getöteten Obersten Führer Ali Chamenei folgte dessen eigener Sohn Modschtaba Chamenei nach.
Abseits der Propaganda gibt es realpolitisch jede Menge offene Fragen. Irans Atomprogramm, die westlichen Sanktionen, der Umgang mit der Straße von Hormus – für all das sind derzeit keine Lösungen in Sicht. Das führt dazu, dass beide Seiten zwar betonen, gesprächsbereit zu sein, sich aber trotzdem nicht wirklich annähern.
Trump könnte dabei in dieselbe Falle tappen wie schon nach dem Krieg im Gazastreifen, sagt Simon Wolfgang Fuchs, Professor für Islam in Südasien und dem Nahen Osten an der Hebräischen Universität Jerusalem zu ntv.
"Wir stehen potenziell vor einer ähnlichen Situation wie in Gaza. Trump sprach direkt nach der Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas im Herbst von einem historischen Tag und stellte ewigen Frieden in Aussicht. Etwas Ähnliches sehen wir nun im Fall des Iran."
Trump gibt also, wie damals bei Gaza, den Konflikt als gelöst aus, obwohl die eigentlichen Verhandlungen noch ausstehen. Fuchs sieht die kommenden Gespräche zwischen Washington und Teheran eher pessimistisch, das Misstrauen auf beiden Seiten sei weiterhin sehr groß.
Währenddessen gehen die Kämpfe in der Region weiter. Iranische Drohnenangriffe treffen die Energieversorgung in Kuwait und den Emiraten, die israelische Armee greift weiterhin die Hisbollah im Libanon an. Auch nach Beginn der Feuerpause melden die Golfstaaten und Israel weitere Einschläge und Schäden.
Die Waffenruhe ist also alles andere als stabil. US-Generalstabschef Dan Caine und Verteidigungsminister Pete Hegseth sagten auf einer Pressekonferenz, es handle sich "nur um eine Pause" und die US-Streitkräfte seien weiterhin einsatzbereit. Auch aus Teheran heißt es, die Revolutionsgarden würden die Befehle von Modschtaba Chamenei befolgen und hätten ihre "Finger am Abzug".
Die Verhandlungen im pakistanischen Islamabad dürften laut Fuchs daher schwierig werden: "Wenn die Gespräche am Freitag beginnen, werden noch einmal die Positionen ausgetauscht und die Grenzen abgesteckt. Ich sehe aber keine Möglichkeit, wie man sich wirklich auf etwas einigen kann. Wahrscheinlich wird man dann weiter verhandeln und Fristen immer wieder verlängern, um den Konflikt einzufrieren."
Genauso sei es auch beim Gaza-Krieg gewesen – das Ergebnis war ein instabiles Gleichgewicht zwischen einer formellen Waffenruhe und immer wieder aufflammender Gewalt. Trotz diplomatischer Erfolge bleibt die Lage für die Zivilbevölkerung gefährlich. Die eigentlichen Probleme sind nicht gelöst, und jederzeit kann die Gewalt wieder ausbrechen.
Fuchs hält so ein Szenario auch für den Iran für wahrscheinlich. Das Land habe immer noch ein enormes Drohpotenzial, vor allem bei Angriffen auf die Ölanlagen der Golfstaaten. Deshalb werde man sich "in den Verhandlungen verhaken." Der Iran könne diese Zeit nutzen, um seine Armee wieder aufzurüsten. In einem Jahr könnten die Konfliktparteien dann wieder am gleichen Punkt stehen wie jetzt.
Die USA können mittelfristig nur hoffen, dass das iranische Regime doch noch ins Wanken gerät. Die Mullahs seien auch wirtschaftlich schwer angeschlagen, sagt Fuchs: "Man geht davon aus, dass die iranische Wirtschaft um zehn Prozent schrumpfen wird dieses Jahr. Das ist alles massiv." Zusätzlicher Druck könnte durch neue Proteste entstehen – von einer Bevölkerung, die vom Krieg und der Gewalt des Regimes traumatisiert und enttäuscht ist.
Die schweren US-Angriffe haben allerdings selbst unter den Gegnern des Regimes im Iran für Entsetzen gesorgt. Das könnte die Forderungen nach einem Ende des Mullah-Regimes bremsen, meint Fuchs: "Nach den amerikanischen Angriffen auf Universitäten, Brücken, Stahlwerke und die Schieneninfrastruktur stellen sich die Menschen im Iran die Frage: Sind die USA wirklich unsere Freunde? Ist das die Hilfe, die dem Regimewechsel in unserem Land dient? Oder geht es hier darum, Chaos zu stiften und den Iran um Jahrzehnte zurückzuwerfen?" Entscheidend wird also sein, ob es zu neuen Massenprotesten kommt.
Auch während einer Waffenruhe hätten westliche Staaten weiterhin Möglichkeiten, Druck auf Teheran auszuüben – etwa durch die bestehenden Sanktionen gegen das Regime. Doch der Iran hat Ausweichmöglichkeiten. "Der Iran könnte seine Beziehungen zu China und Russland einfach vertiefen", sagt Fuchs. Beide Länder hätten die Mullahs im Konflikt mit den USA schon unterstützt – mit Geheimdienstinformationen, Raketenantrieb und hochauflösenden Satellitenbildern.
Für China hätte eine engere Zusammenarbeit mit Teheran auch Vorteile. Peking könnte so die "Vormachtstellung der USA" in der Weltpolitik schwächen, meint Fuchs. Bislang ist China vor allem als Vermittler zwischen dem Iran und den USA aufgetreten.
Auch die Expertin Eva Seiwert vom Mercator-Institut für Chinastudien (Merics) sieht Chinas Rolle im Krieg nicht nur als uneigennützig. "Zentral ist im Kontext des Krieges die Sicherung stabiler Energie- und Handelsströme, insbesondere durch die Straße von Hormus. Auch wenn Lieferungen aus Iran offenbar weiterliefen, ist für Peking die Verlässlichkeit der gesamten Region entscheidend", teilt Seiwert ntv mit.
Der Krieg hat aber die ganze Golfregion ins Chaos gestürzt – sehr zum Ärger von Peking. "Dazu kommt der Schutz eigener Investitionen, vor allem in den Golfstaaten. Insgesamt priorisiert China Planbarkeit und Stabilität, die durch den Konflikt untergraben werden."