In Tokio passiert gerade etwas Unglaubliches: Der Bahnhof Keikyu-Shinagawa, einer der verkehrsreichsten Knotenpunkte der japanischen Hauptstadt, wird komplett umgebaut. Drei Bahnsteige werden zu vier, das ganze Bauwerk wird auf einer Seite ein Stockwerk höher und auf der anderen niedriger gelegt - und das alles ohne Unterbrechung des Zugverkehrs.
Der Bahnhof ist dem Ansturm der Fahrgäste nicht mehr gewachsen. Täglich strömen Massen von Pendlern durch die Anlage, U-Bahnen und Expresszüge folgen in atemberaubender Dichte aufeinander. Nach Messungen vor Ort vergehen zwischen zwei Zügen manchmal nur 13 Sekunden.
Wie heise.de berichtet, plant die Betreibergesellschaft Keikyu Corporation keine einzige Unterbrechung des Bahnverkehrs während des gesamten Umbaus. Die Züge werden im laufenden Betrieb regelrecht auf temporäre Nachbargleise "gehüpft", um Platz für die Bauarbeiten zu schaffen. Das Projekt soll bis März 2031 fertig sein.
Die Umbauarbeiten sind gewaltig: 270.000 Quadratmeter Fläche für Büros, Geschäfte und Parkmöglichkeiten entstehen. Durch die Höhenverlegung der Gleise sollen drei Bahnübergänge wegfallen, deren Schranken wegen der hohen Zugfrequenz ständig auf und zugehen.
Der Grund für das Mammutprojekt: Konkurrenz. Der Flughafen Haneda liegt im Einzugsgebiet der Keikyu-Linie. Doch die staatliche JR East baut eine neue Schnellverbindung dorthin, die zehn Minuten Fahrzeit spart. Keikyu will deshalb attraktiver werden.
Der Kontrast zu Europa ist frappierend. Während in Japan selbst archäologische Funde den Betrieb nicht stoppen, sind monatelange Streckensperrungen hierzulande normal. Allein bei der Deutschen Bahn gab es zuletzt knapp 1,7 Millionen Fahrplanänderungen wegen Bauarbeiten.
Japan hat auch kaum eine andere Wahl: Die Effizienz der Bevölkerung würde einbrechen, wenn Millionen Pendler täglich Stunden im Ersatzverkehr verplempern würden. Deswegen wird die Infrastruktur in Topzustand gehalten - trotz ähnlich alter Anlagen wie in Deutschland.