Eine neue Studie im Auftrag der Stadt Wien sorgt für Diskussionen. Untersucht wurden Einstellungen von 14- bis 24-Jährigen in Wien. Im Fokus standen antidemokratische, abwertende und gewaltaffine Haltungen.
Befragt wurden 1.221 Jugendliche und junge Erwachsene. Die Erhebung fand unter anderem in Favoriten, auf der Mariahilfer Straße, beim Donauzentrum sowie online statt. Geleitet wurde die Studie vom Soziologen Kenan Güngör.
Untersucht wurden zehn Herkunftsgruppen: Österreicher, Serben, Polen, Rumänen, Bosnier, Türken, Kurden, Syrer, Afghanen und Tschetschenen.
Laut Studie treten problematische Haltungen bei muslimischen Jugendlichen besonders stark auf, vor allem bei Befragten mit syrischem, afghanischem und tschetschenischem Hintergrund. Dabei warnt Güngör laut Bericht zugleich vor Pauschalisierungen: Viele muslimische Jugendliche seien demokratisch, tolerant und plural eingestellt.
Ein zentrales Problem sieht der Studienautor in der religiösen Prägung über soziale Medien. Jugendliche, die ihren Islam vor allem online konsumieren, zeigen laut Studie deutlich stärkere Tendenzen zu radikalen Einstellungen als jene, die schlicht gläubig sind.
"Das sind Werte, die mich wirklich beschäftigen", sagt Güngör gegenüber der "Kronen Zeitung". Rund 80 Prozent der islamischen Online-Inhalte seien problematisch. Wer viele Stunden täglich am Handy verbringe und dabei vor allem islamistische Inhalte angezeigt bekomme, gerate immer tiefer in diese Welt.
Auch antisemitische Einstellungen wurden erhoben. Insgesamt stimmten 35 Prozent aller Befragten der Aussage zu, Juden hätten zu viel Macht und kontrollierten die Welt. Unter syrischen Jugendlichen waren es 55 Prozent, unter afghanischen 52 Prozent und unter türkischen 51 Prozent. 41 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, Israel sei der Feind aller Muslime.
Ein weiterer Faktor ist laut Studie Einsamkeit. Wer niemanden habe, mit dem er über Probleme sprechen könne, und keine Perspektive sehe, sei anfälliger für einfache Feindbilder. Dieser Faktor wirke sogar stärker als das Bildungsniveau.
"Diese Orientierungslosigkeit, dieses Gefühl, ich hab keinen, mit dem ich mich aussprechen kann — das führt dazu, dass Jugendliche sich an starke Bilder festklammern, weil sie ihnen Selbstwert geben", sagt Güngör der "Krone".
Als Ursachen nennt die Studie unter anderem religiöse Online-Sozialisation, Einsamkeit, fehlende Perspektiven und autoritäre Erziehungsstile. Laut Güngör seien Eltern dabei Teil des Problems, aber auch Teil der Lösung.
Der Soziologe fordert Maßnahmen auf mehreren Ebenen. Die Politik dürfe muslimische Jugendliche nicht nur als Problem darstellen. Schulen bräuchten einen verpflichtenden Demokratie- und Ethikunterricht, der auch den Nahostkonflikt offen behandeln könne. Zudem müssten Plattformen auf EU-Ebene stärker in die Pflicht genommen werden.
"Auch die muslimischen Communities selbst sind gefordert, sich ehrlich zu hinterfragen und eigene Versäumnisse zu identifizieren. Nur in die Opferrolle zu fallen, ist zu wenig", sagt Güngör gegenüber der Tageszeitung.
Für den Studienautor sind die Probleme real, aber beeinflussbar. "Wenn wir die Faktoren kennen, wissen wir, wo wir ansetzen müssen." Ein auffälliges Detail der Erhebung: 30 Prozent der befragten muslimischen Jugendlichen finden selbst, es gebe bereits zu viele Muslime in Österreich.