Sport

Lauda über Reifen-Chaos: "Da kannst du tot sein"

Heute Redaktion
14.09.2021, 03:01

Nach dem Skandalrennen in Silverstone herrscht im Fahrerlager blanke Wut auf Reifenhersteller Pirelli. Vonseiten der Piloten und Teams hagelt es harsche Kritik. Die Sicherheit sei nicht gewährleistet. Der Motorsportverband FIA organisiert am Mittwoch eine Krisensitzung - für viele zu spät.

herrscht im Fahrerlager blanke Wut auf Reifenhersteller Pirelli. Vonseiten der Piloten und Teams hagelt es harsche Kritik. Die Sicherheit sei nicht gewährleistet. Der Motorsportverband FIA organisiert am Mittwoch eine Krisensitzung - für viele zu spät, sie wollen streiken.

Die Reifen bleiben leider weiterhin das große Thema dieser Saison. Bei fast jedem Rennen gab es bislang Probleme, doch der Grand Prix von Großbritannien brachte das Fass zum Überlaufen. Gleich vier Piloten wurden Opfer des instabilen Pirelli-Gummis. Allein in den ersten 15 Runden platzten beim Führenden Lewis Hamilton, Felipe Massa und Jean-Eric Vergne jeweils der linke Hinterreifen. Gegen Ende des Rennens passierte dasselbe auch noch Sergio Perez.

Ihre Rennen wurden dadurch vollkommen zerstört. Besonders bitter war es für Lewis Hamilton, dem die Chance auf einen möglichen Heimsieg genommen wurde. Der Brite war nach dem Rennen stocksauer auf den italienischen Reifenerzeuger: "Ich frage mich, warum ich mein Leben wegen diesen verdammten Reifen aufs Spiel setze! Die Reifenschäden machen mir große Sorgen. Da muss etwas passieren."

Alonso: "Ich hatte echt Angst"

Dass die Reifen ohne Vorankündigung platzen und sich in unzählige Teile auflösen ist nicht nur für den Piloten, der dann bei Tempo 300 einen Unfall verhindern muss, ein hohes Risiko, sondern auch für die Hinterherfahrenden. "Da kannst du tot sein! Wenn dir das bei den Geschwindigkeiten auf den Sturzhelm knallt, reißt es dir das Genick ab. Das unterschätzt hier jeder", bringt es Niki Lauda auf den Punkt.

Fernando Alonso kam in solch eine gefährliche Situation, als direkt vor ihm ein Reifen an Perez McLaren platzte. "Ich hatte echt Angst und viel Glück, da mich die Teile nur um Zentimeter verfehlten. Wenn ich links vorbeigefahren wäre, dann wären mir womöglich die ganzen Reifenfetzen entgegengeflogen." Und Teamkollege Massa ergänzte: "Es ist inakzeptabel, mit dem Wissen fahren zu müssen, dass man nicht sicher ist."

Randstein-Theorie für Fahrer Blödsinn

Die Ursachen für die Platzer werden derzeit von Pirelli ermittelt. Während des Rennens kam aber die Theorie auf, dass ein scharfer Randstein (Curb) in der vierten Kurve den Reifen aufschlitzte (siehe Video rechts). Die Renningenieure wiesen daraufhin die Fahrer an, nicht so hart über die Curbs zu räubern. Lauda hält diese Theorie für Schwachsinn: "Curbs sind auf allen Rennstrecken der Welt. Alle müssen drüberfahren, dafür sind sie ja da."

"Man braucht Reifen, mit denen man die ganze Rennstrecke befahren kann - auch die Curbs, denn die gehören zur Rennstrecke dazu. Wenn die Reifen das nicht können, dann muss man nicht die Curbs ändern, sondern man muss die Reifen ändern", findet der Mercedes-Aufsichtsratboss. Auch die Fahrer konnten dem nichts abgewinnen. "Ich denke, die Randsteine waren vollkommen in Ordnung", so Alonso.

Angst vor Highspeed-Rennen in Spa

"Man sagte mir im Funk, dass die Schäden in Kurve vier entstehen würden. Aber ich antwortete: 'Nein, es passiert überall'", erzählte Jenson Button. Sein Boss Martin Whitmarsh sieht groben Handlungsbedarf: "Wir haben ein ernstes Problem, das wir gemeinsam aus der Welt schaffen müssen. Mancher argumentiert jetzt, dass der Nürburgring weniger belastend für die Reifen ist, aber wenig später fahren wir in Spa. Dort will bestimmt niemand mit den bisherigen Reifen fahren." Das sieht auch Massa so: "Wenn man ein Problem in Eau Rouge hat, weiß man nicht, was passieren wird."

"Wollen kein zweites Indianapolis"

Whitmarsh würde seine Piloten aus Sicherheitsgründen aus dem Rennen nehmen, falls bis Spa nichts passiert. "Wir wollen kein zweites Indianapolis, eine Absage wäre ein dickes Ding", erinnert der McLaren-Teamchef an das Skandalrennen von 2005, als alle Michelin-Piloten dem Start fern blieben, weil es im Training mehrere Reifenplatzer gab. Nur sechs Bridgestone-Fahrer nahmen den Grand Prix in Angriff.

Wie Lauda findet auch Whitmarsh, dass in Silverstone keine außergewöhnlichen Bedingungen herrschten, die zu der Platzerserie geführt haben könnten. Nach dem Zwischenfall bei Vergne kam sogar das Safety-Car auf die Piste, damit die Streckenposten den Asphalt vor eventuellen Wrackteilen säubern konnten. "Tatsache ist, dass in der Formel 1 oft solche Teile auf der Fahrbahn liegen und die Reifen es dennoch aushalten sollten", so Whitmarsh.

Rückkehr zum Vorjahresreifen?

Die Idee des McLaren-Teamchefs klingt simpel: "Am logischsten wäre es, zu den Pneus des Vorjahres zurückzukehren. Die haben funktioniert, mit denen hatten wir solche Probleme nicht." Lauda sieht die Fahrergewerkschaft GPDA gefordert: "Die Fahrer sollten sich jetzt zusammentun und generell fordern, dass dieses Problem gelöst wird."

Vonseiten der FIA wurde eine Krisensitzung mit Pirelli für Mittwoch anberaumt. Da aber bereits am Wochenende am Nürburgring gefahren wird, kann man davon ausgehen, dass bis dahin nichts geschehen wird bzw. kann. Die Fahrer, die sich schon seit Wochen über die Reifen beklagen, überlegen deshalb zu streiken.

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