Letzter Ausweg Kohle – doch im Kraftwerk fehlt Personal

Das Fernheizkraftwerk Mellach südlich von Graz ist seit 2020 außer Betrieb.
Das Fernheizkraftwerk Mellach südlich von Graz ist seit 2020 außer Betrieb.HELGE SOMMER / APA / picturedesk.com
Paukenschlag in der heimischen Energiepolitik. Weil Russlands Gas nur zur Hälfte fließt, wird das Kraftwerk Mellach für die Kohlenutzung umgerüstet.

Der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat die Diskussion am gestrigen Sonntag ausgelöst: Wegen der Gas-Lieferkürzungen aus Russland sollen nun wieder verstärkt Kohlekraftwerke hochgefahren werden.

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Auch Österreich wird das derzeit stillgelegte Fernheizkraftwerk Mellach in der Steiermark umrüsten, dass dort im Notfall wieder aus Kohle Strom und Wärme erzeugt werden kann. Damit soll eine schwere Gaskrise verhindert werden mit Blick vor allem auf den Winter und den Beginn der Heizperiode.

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Kraftwerk Mellach soll im Notfall wieder Kohle verbrennen

Der 17. April 2020 war ein großer Tag für den Klimaschutz: das letzte Kohlekraftwerk Österreichs in Mellach in Graz-Umgebung hatte den Betrieb eingestellt. Kein Energieträger ist klimaschädlicher als Kohle.

Das "letzte Kohlekraftwerk Österreichs" produzierte laut Verbund 34 Jahre lang Strom und Wärme für die steirische Landeshauptstadt Graz. Etwa 80 Prozent der gesamten in Graz benötigten Fernwärme – insgesamt mehr als 30 Milliarden Kilowattstunden Strom sowie 20 Milliarden Kilowattstunden Fernwärme – seien in Mellach produziert worden. Die Kraftwerksanlage wurde auf Gas umgerüstet, damit sie bei Bedarf (wenn es Engpässe gibt) kurzzeitig zur überregionalen Stromnetzstützung abgerufen werden kann.

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Im Frühjahr 2020 wurde dort zum letzten Mal aus Kohle Strom erzeugt. Nun soll es wieder umgerüstet werden, damit es im Notfall, wenn zu wenig Gas zur Verfügung steht, wieder Kohle verbrennen kann. Das habe die Bundesregierung mit dem Verbund-Konzern vereinbart, teilte das Bundeskanzleramt mit. Die Umrüstung werde Monate dauern, sagte Klimaschutzministerin Leonore Gewessler, der Verbund-Konzern arbeite mit Hochdruck daran.

Einige Fragen sind dabei noch offen. So gibt es am Standort keine Kohle mehr, die muss wieder beschafft werden. Weiters fehlen laut Branchen-Insider spezialisierte Mitarbeiter, die ein Kohlekraftwerk bedienen können, viele sind bereits in Pension, neue Fachkräfte müssten erst gefunden und umgeschult werden.

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Ausstieg aus Gas wird Jahre dauern

Am Sonntagvormittag hatte die OMV gemeldet, dass aus Russland wie schon in den Tagen zuvor neuerlich etwa um die Hälfte weniger Gas nach Österreich geliefert wurde als üblich. Die Nachfrage nach Gas sei derzeit aber eher gering, fehlende Mengen könnten gut durch Zukäufe auf dem Spotmarkt ersetzt werden, erklärte die OMV. Die Gasversorgung sei sichergestellt, die OMV-Gasspeicher in Österreich mit einer Gesamtkapazität von 25.289 GWh seien bereits jetzt zu 64 Prozent befüllt.

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Das Klimaschutzministerium betonte, dass Österreich bereits Mitte Juni 39 Prozent seines Jahresverbrauchs in Gasspeichern eingespeichert habe. Damit liege Österreich bei der Bevorratung an zweiter Stelle in der EU. Die Speicherkapazität von rund 95 Terawattstunden (TWh) entspreche dem Bedarf eines ganzen Jahres, damit verfüge Österreich über eine der höchsten Speicherkapazitäten in der EU. In den Sommermonaten liege der Gasbedarf in Österreich bei rund 4 bis 6 Terawattstunden, in Wintermonaten bei 10 bis 12 Terawattstunden. Ziel ist es, bis zum 1. November 2022 die Speicher zu 80 Prozent gefüllt zu haben.

Derzeit lagert in den Gasspeichern auf österreichischem Gebiet Gas mit einem Energiegehalt von mehr als 38 TWh - ohne den Speicher Haidach, der nur an das deutsche Gasnetz angeschlossen ist, sind es mehr als 33 TWh.

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Ziel der Regierung sei es, die Abhängigkeit von Russland zu verringern, um nicht erpressbar zu sein, sagte Gewessler in der "ZiB 2 am Sonntag" nach einem "kleinen Krisenkabinett", bei dem sie mit Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP), Wirtschaftsminister Martin Kocher (ÖVP) und Experten über die Sicherung der Energieversorgung beraten hat. Gewessler stellte aber auch klar, dass das Unterfangen "Jahre dauern" werde und nicht von heute auf morgen passieren könne, so wie sich das manche Unternehmen vielleicht wünschen würden.

CO2-Ausstoß ist bei Kohle am höchsten.
CO2-Ausstoß ist bei Kohle am höchsten.APA-Grafik / picturedesk.com
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