Ein tiefer Blick in seine braunen Augen verrät: "Tito" ist weit davon entfernt, dem Klischee eines Kampfhundes zu entsprechen – obwohl er ein American Staffordshire Terrier ist und damit einer Listenhund-Rasse angehört. Doch der Vierbeiner mit dem geknickten Ohr hat ein überaus sanftes Wesen, das sich perfekt für die Therapie-Arbeit eignet.
Seine Besitzerin Elisabetta Tomasco (40) ist gebürtige Italienerin, 2019 kam sie der Liebe wegen nach Wien – und blieb. Der heute achtjährige "Tito" ist ein "Findelkind": "Ich war damals über Weihnachten zu Besuch in Süditalien, bin einkaufen gefahren. Am Rückweg saß ein Welpe allein auf der Straße, niemand war da. Als ich die Autotüre aufgemacht habe, ist er sofort hineingesprungen. Damals war er vier oder fünf Monate alt", erinnert sich die 40-Jährige.
Seit damals sind Tomasco und "Tito" unzertrennlich. Doch die Vorurteile gegenüber der Rasse machten dem Dream-Team das Leben manchmal schwer: "Am Anfang war es nicht leicht. Weil er ein Listenhund ist, haben die Leute oft Angst gehabt oder waren unsicher. Es gab auch immer wieder Diskussionen – selbst in der Hundezone. Schließlich hatte ich den Gedanken, dass ich mit 'Tito' eine stärkere Botschaft senden möchte."
Die Wahl-Wienerin entschied sich für eine Therapiebegleithunde-Ausbildung bei "Tiere als Therapie" (TAT). Der Verein feiert heuer sein 35-jähriges Bestehen, hat bisher schon rund 15.000 Mensch-Hund-Teams ausgebildet. Diese arbeiten etwa in Pflegeeinrichtungen, im Gesundheitsbereich oder in der Pädagogik, überwiegend mit Kindern und älteren Menschen.
"Die Ausbildung ist wirklich seriös und gut. Es geht ja nicht nur darum, dass der Hund ein freundliches Wesen hat, sondern auch dass er ruhig bleibt und emotional stabil ist", erklärt Tomasco. Bevor sie mit der Ausbildung beginnen konnte, musste die 40-Jährige mit "Tito" auch einen Test bestehen, ob der Hund eine stabile Persönlichkeit hat und beide als Team für die Therapie-Arbeit geeignet sind.
Tomasco und "Tito" bestanden den Test und konnten die rund einjährige Ausbildung beginnen und mit einer staatlichen Prüfung abschließen. Seit drei Jahren ist "Tito" nun als Therapiebegleithund zertifiziert. Einmal pro Woche ist sie mit "Tito" im Wartezimmer der Kinder-PVE Donauinsel von Dr. Peter Voitl in Wien-Donaustadt zu Gast.
"Wir unterhalten die Kinder dort mit Spielen, sie dürfen 'Tito' auch streicheln. Wir wollen ihnen einfach die Angst nehmen und die Stimmung verbessern", so Tomasco. Beim "Heute"-Besuch in der Ordination zeigt sich die Wirkung, die "Tito" auf Kinder hat, obwohl diese den Hund gar nicht kennen.
Der zehnjährige Matija etwa hat ADHS, auch der Verdacht auf eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS) liegt nahe. Der zurückgezogene Bub darf das "Glücksrad" drehen: Es bleibt bei einer bestimmten Farbe stehen, dann gibt es eine farblich dazu passende Info über "Tito" – etwa wie seine beste Freundin heißt (Oanna) oder welches Spielzeug er am liebsten hat (Plüschtiere!). Matija taut immer mehr auf, streichelt "Tito" und darf ihn schließlich sogar an der Leine durch die Ordi führen. Auch Henry (10) und Robin (4) freuen sich über die Hilfe auf vier Pfoten.
Einmal pro Woche betreut Tomasco auch eine Gruppe von Kindern mit einer geistigen Beeinträchtigung, sorgt dort für Entspannung und eine verbesserte Kommunikationsfähigkeit: "Meine neueste Idee ist das Spiel 'Einkaufen gehen mit 'Tito'. Die Kinder machen eine Einkaufsliste und 'Tito' holt dann die jeweiligen Produkte in Plüschform. Als Belohnung bekommt er dann jedes Mal ein Leckerli von den Kindern", erklärt die Italienerin.
"Tito" ist perfekt als Therapiebegleithund geeignet – das bestätigt auch seine jährliche Begutachtung am Messerli Institut der VetMed Uni: "Er ist schlau, neugierig, lernt schnell und ist extrem kooperativ. Zudem ist er sehr menschenbezogen, hat ein liebevolles, ruhiges sowie sanftes Wesen und liebt ältere Menschen und Kinder", erklärt Tomasco.
Die 40-Jährige hat auch ein Kinderbuch über den sanften Vierbeiner geschrieben – "Tito – der Kampfhund, der nicht kämpfen wollte": "Die Menschen sollten sich nicht von Vorurteilen leiten lassen", meint Tomasco. Auch auf dem Instagram-Account "It's Tito actually" berichtet sie laufend aus ihrem Alltag – ein beeindruckendes und positives Beispiel dafür, wie viel ein Listenhund im therapeutischen Einsatz leisten kann.