Die Nachricht verbreitete sich in der 1.000-Seelen-Gemeinde im Tiroler Oberland rasend schnell: Ein ansässiges Paar soll ihre Tochter fast verhungern haben lassen. Die Siebenjährige ringt derzeit in einem Spital in Tirol um ihr Leben, soll nur noch 14 anstatt der üblichen 20 bis 30 Kilo wiegen.
Zudem war eine seltene und schwere Hautkrankheit des Kindes offensichtlich bereits seit längerer Zeit unbehandelt geblieben. Seine Eltern (35, 40) sitzen seit Dienstag in Untersuchungshaft.
"Wir sind in einer Schockstarre", sagte der Bürgermeister zu "Krone" und "TT". Die Bewohner reagieren mit "Schock, Unverständnis und Verwunderung". "Dieser Fall hat uns völlig unvorbereitet getroffen, mit so etwas rechnet niemand." Jetzt seien unzählige Gerüchte im Umlauf, aber keiner wisse, was wirklich dahintersteckt.
Der Vater sei hier aufgewachsen und im Vereinsleben im Dorf durchaus präsent gewesen, die Mutter habe man seltener gesehen. Nach außen wirkte die Familie laut Ortschef unauffällig – welches Drama sich im Inneren abspielte, konnte offenbar niemand ahnen.
Mitbürger, die die Familie (mutmaßlich) besser kannten, hätten erzählt, dass die Eltern eigentlich eher überfürsorglich gewesen seien, sagt der Dorfchef erschüttert. "Da sagt man immer, bei uns gibt es so einen Fall nicht …" Er selbst habe vergangenen Mittwoch vom Vorfall erfahren.
Den Ausgang nahm der Fall am 29. April. An diesem Tag tauchten die Eltern mit ihrer Tochter selbst im Krankenhaus auf – "auf Anraten der Hausärztin", bestätigt Hansjörg Mayr, Sprecher der Innsbrucker Staatsanwaltschaft. Das Mädchen befand sich laut Ärzten in einem "augenscheinlich verwahrlosten und lebensbedrohlichen Gesundheitszustand." Die Polizei wurde alarmiert, Landeskriminalamt und die Staatsanwaltschaft nahmen Ermittlungen auf.
Fast zwei Wochen lang waren die Eltern für Ermittler dann nicht erreichbar. "Wir haben dann die Festnahmen angeordnet", so Mayr. Daraufhin meldeten sie sich selbst bei einer Polizeiinspektion. Kurz darauf klickten die Handschellen.
"Nach derzeitigem Ermittlungsstand besteht der Verdacht, dass die Eltern ihre Fürsorgepflicht über einen längeren Zeitraum gröblich vernachlässigt und es insbesondere unterlassen haben, rechtzeitig die gebotene medizinische Versorgung ihres Kindes zu gewährleisten", heißt es von den Ermittlern. Wie lange, muss erst ein Sachverständiger klären.
Besonders brisant: Das Mädchen wurde offiziell daheim unterrichtet. Eine Aufforderung zur Rückkehr in die Schule sollen die Eltern ignoriert haben. Dadurch blieb das Drama offenbar lange unentdeckt.
Auch ein kleiner Bruder lebt in der Familie. Er wurde mittlerweile auf behördliche Anordnung fremduntergebracht. Für die Eltern gilt die Unschuldsvermutung.
Das Mädchen wird aktuell in der Klinik in Innsbruck behandelt. "Sie bekommt die Versorgung, die sie braucht. Ihr Zustand ist stabil", sagt Sprecher Johannes Schwamberger. Die akute Lebensgefahr dürfte gebannt sein.