Wenn nachts die Wade krampft, ist der Griff zur Magnesiumtablette für viele ein Reflex. Der Gedanke dahinter klingt plausibel: Magnesium gilt als das "Muskelmineral" schlechthin. Mehr davon müsste also auch für eine bessere Muskelentspannung sorgen.
Doch zwischen populären Empfehlungen und wissenschaftlicher Evidenz klafft eine Lücke. Systematische Übersichtsarbeiten randomisierter Studien - etwa von der Cochrane Collaboration - kommen wiederholt zu einem ernüchternden Ergebnis.
Wie chip.de berichtet, zeigt Magnesium für die allgemeine Bevölkerung keinen klinisch relevanten Nutzen gegenüber Placebo. Menschen, die Magnesium einnehmen, haben im Durchschnitt nicht weniger Krämpfe als jene, die eine wirkstofffreie Tablette schlucken.
Wenn Magnesium meist nicht die Ursache ist - was löst den Schmerz dann aus? Die moderne Forschung deutet darauf hin, dass Muskelkrämpfe häufig ein Problem der Nervensteuerung sind. Eine neuronale Übererregung gilt heute als eine der wahrscheinlichsten Ursachen.
Auch lokale Überlastung, zu wenig Flüssigkeit oder ein Ungleichgewicht anderer Elektrolyte wie Natrium und Kalium können eine Rolle spielen. Ein isolierter Magnesiummangel ist dagegen deutlich seltener verantwortlich, als häufig angenommen wird.
Magnesium spielt tatsächlich eine wichtige Rolle im Muskelstoffwechsel. Doch daraus folgt nicht automatisch: Je mehr Magnesium, desto besser. Ein Nährstoff ist in der Regel nur dann therapeutisch wirksam, wenn tatsächlich ein Mangel vorliegt.
Ist der Körper ausreichend versorgt, bringt eine zusätzliche Zufuhr keinen messbaren Vorteil - überschüssiges Magnesium wird über die Nieren wieder ausgeschieden.
Für die meisten Menschen ist der einfachste Weg eine abwechslungsreiche Ernährung. Nüsse, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte und grünes Gemüse wie Spinat liefern nennenswerte Mengen Magnesium. Auch magnesiumreiche Mineralwässer ab 150 mg pro Liter sind eine gute Quelle.
Regelmäßiges Dehnen der Wadenmuskulatur hat in Studien teilweise eine bessere vorbeugende Wirkung gezeigt als Nahrungsergänzungsmittel. Und wenn Muskelkrämpfe regelmäßig auftreten, ist die erste Adresse der Arzt - nicht das Supplement-Regal.