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Marcel Koller vor der EM im exklusiven "Heute"-Inter...

Unser Teamchef Marcel Koller über den EM-Hype, die Favoriten, Cristiano Ronaldo und wie er abschaltet.
Heute Redaktion
14.09.2021, 13:34

Unser Teamchef und wie er abschaltet.

"Heute": Herr Teamchef, wie viel PS erzeugt Marko Arnautovic mit einem Schuss?

Marcel Koller: "Keine Ahnung."

"Heute": Es sind 20. In der Quali brachte das Team viele PS auf den Rasen. Können Sie bei der EM noch zulegen?

Koller: "Wir wollen unsere Gegner bei der EM überraschen. Ich habe 55 Matches der Gegner analysiert. Entscheidend wird die Tagesform und wie wir am Tag X auf das System der Gegner reagieren. Für uns werden Selbstvertrauen und Euphorie wichtig sein. Das kannst du nicht eintrichtern oder trinken, das musst du erleben – durch Siege."

"Heute": Stimmen Sie zu, dass es den Topfavoriten bei der EM nicht gibt? Ist die Dichte gestiegen?

Koller: "Frankreich ist ein Topfavorit, dazu Spanien, Deutschland. England ist stark. Aber das ist nur die Theorie. Die Praxis schaut anders aus. Was stimmt, ist, dass alles näher zusammenrückt. Die Kleinen verteidigen besser. Und den Ball nach vorne zu bringen, ist schwieriger, als zu verteidigen."

"Heute": Wie stoppen wir Cristiano Ronaldo? Sie wählten ihn und nicht Messi zum Weltfußballer.

Koller: "Zuvor wählte ich fünf Mal Messi. Ronaldo ist schnell, dribbelstark und schießt Tore. Einer allein wird ihn nicht stoppen. Den können wir auch gar nicht abstellen. Wir sind als Team gefordert: gut stehen, Präsenz zeigen, aufmerksam sein und andere Spieler zustellen, dass sie ihn nicht anspielen können."

"Heute": Von welchem Trainer lassen Sie sich inspirieren?

Koller: "Von keinem. Das Kopieren bringt nichts, wenn du die Spieler von Barca oder Bayern nicht hast. Dort, wo du bist, musst du schauen, was geht."

"Heute": Hätten Sie ein Rezept gegen diese Top-Mannschaften?

Koller: "Ja. Ich habe öfters mit kleineren Teams gezeigt, dass es geht. Bissig sein, gut verteidigen, Mut haben. Und Glück, dass sie Chancen auslassen."

"Heute": Fitness-Coach Roger Spry versprach "Heute": 'Wir sind das fitteste Team bei der EM.' Ist das so?

Koller: "Roger ist ein Fachmann. Ich gehe aber davon aus, dass auch die anderen nicht aus Cannes oder Nizza aus dem Urlaub kommen. Die Fitness wird wichtig – auch Taktik, die Technik. Nicht zu vergessen die Motivation, Freude und der Spaß. Auch dieser Faktor kann entscheiden. Für uns geht es darum, den Kopf frei zu kriegen: Es kann sein, dass wir länger zusammen sind. Das waren wir noch nie."

"Heute": Der EM-Hype wird riesig. Wie und wo schalten Sie ab?

Koller: "Es ist sehr intensiv, die Freiräume sind knapp. Ich habe eine Sieben-Tage-Woche. Abschalten versuche ich stundenweise – bei einer Radtour, auswärts essen."

"Heute": Roger Spry, der auch schon mit Trainer-Stars wie Jose Mourinho oder Arsene Wenger arbeitete, bezeichnete Sie im 'Heute' -Interview als den Besten im Delegieren. Sehen Sie sich als Manager?

Koller: "Nein, ich sehe mich als Trainer. Wenn ich Vertrauen habe, dann lasse ich Menschen frei arbeiten. Ich schaue dann aber schon auch drüber. Wir haben im Betreuerteam hervorragende Leute. Ich bin nicht überall Fachmann und lasse mich auch gerne belehren."

"Heute": Sind Sie in Österreich bereits beliebter als in Ihrer Heimat, der Schweiz?

Koller: "Die Situation ist eine andere. Hier bin ich Nationaltrainer, in der Schweiz war ich Klubtrainer. Das ist nicht so emotional. Ich denke, die Leute mögen mich dort auch."

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