Ahmed al-Scharaa, der syrische Übergangspräsident und frühere Anführer islamistischer Milizen, absolviert heute seinen Antrittsbesuch in Deutschland. Der 43-Jährige wurde am Morgen von Bundespräsident Steinmeier empfangen und trifft später Bundeskanzler Friedrich Merz im Kanzleramt.
Die Kurdische Gemeinde Deutschland übt scharfe Kritik an dem Besuch. "Al-Scharaa gehört vor Gericht und nicht ins Kanzleramt", sagte der Bundesvorsitzende Ali Ertan Toprak. Auch die Linke-Abgeordnete Cansu Özdemir bezeichnete das Treffen als "moralischen Bankrott".
Laut n-tv.de hat al-Scharaa den Tarnanzug längst gegen feinen Zwirn und Krawatte eingetauscht. Der syrische Machthaber war bereits bei Frankreichs Präsident Macron und US-Präsident Trump zu Gast, bevor er nun nach Berlin reist.
Die Vereinten Nationen werfen der syrischen Regierung schwere Verstöße während der Kämpfe in den Drusengebieten im Sommer vor. Von möglichen Kriegsverbrechen ist die Rede. Im vergangenen Jahr wurden in der westsyrischen Provinz Latakia Hunderte Alawiten getötet, im Sommer gab es heftige Gefechte mit Tausenden Toten.
Bei den Gesprächen mit Merz soll es um die Lage in der Region, den wirtschaftlichen Wiederaufbau Syriens und die Rückkehr syrischer Flüchtlinge gehen. Auch der Iran-Krieg dürfte ein wichtiges Thema werden. Nach dem Treffen ist eine gemeinsame Pressekonferenz geplant.
Der Besuch war ursprünglich bereits für Jänner geplant, wurde aber wegen des Konflikts mit den Kurden verschoben. Die syrische Führung hatte zuvor kurdische Kämpfer aus mehreren Gebieten vertrieben und deren faktischer Autonomie ein Ende gesetzt.
Die syrische Gemeinde in Deutschland empfing den Präsidenten jubelnd. Videos zeigen, wie sie bei einer Veranstaltung im Berliner Ritz-Carlton "Allahu akbar" riefen und den früheren Dschihad-Kämpfer stehend beklatschten.
Auch auf den Berliner Straßen ging es heiß her. Menschen schwenkten die neue syrische Fahne mit drei Sternen, in Kreuzberg gab es einen Jubelmarsch mit lauten Koran-Rezitationen.