Netzhauterkrankung

Mit 90 % Sehbehinderung – Belinda plant Traumhochzeiten

Mit 18 erhielt Belinda Hagelmüller die Diagnose Morbus Stargardt. Heute ist sie Hochzeitsplanerin und leitet die Organisation des Diversity Balls.
Christine Ziechert
04.09.2026, 07:45
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Belinda Hagelmüller (28) ist ein wahres Energiebündel. Dass sie eine 90-prozentige Sehbehinderung hat, merkt man der quirligen Oberösterreicherin im ersten Moment gar nicht an. "Ich war immer schon ehrgeizig und motiviert. Dafür habe ich persönlich nach der Diagnose sehr gestruggelt – beim Verdrängen war ich voll dabei", gibt Hagelmüller zu.

Besagte Diagnose – Morbus Stargardt – erhielt sie mit 18 Jahren: "Ich hatte damals schon eine Brille. Bei einer Augenarzt-Kontrolle waren die Buchstaben ganz verschwommen – egal, wie groß sie waren." Der Augenarzt hatte einen Verdacht, schickte sie in eine Spezialambulanz.

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Augenerkrankung schränkt zentrales Sehen ein

Nach vielen Untersuchungen wurde dann die Diagnose gestellt. Morbus Stargardt ist eine erbliche Augenerkrankung, die das zentrale Sehvermögen zunehmend einschränkt. "Das Syndrom beginnt meistens zwischen 16 und 20 Jahren, mit etwa 25 Jahren gibt es dann einen rapiden Abfall. Dann bleibt es stabil und nach etwa 20 Jahren kommt wieder ein Abfall", erklärt Hagelmüller.

Betroffen ist vor allem ihr zentrales Sehen, das periphere Sehvermögen (das "Rundherum") bleibt erhalten. So kann Hagelmüller etwa Anzeigetafeln bei Bim- und Bus-Stationen nicht lesen: "Umso näher jemand kommt, desto besser sehe ich ihn oder sie. Es geht viel um Details. Ich merke mir den Gang oder die Haarfarbe von jemandem. Daran erkenne ich dann die Person. Am besten sehe ich am Abend, wenn das Gegenlicht nicht so stark ist."

Selbstständigkeit als Sprung ins kalte Wasser

Trotz der Diagnose setzte Hagelmüller ihren Weg konsequent fort, absolvierte zwei Studien (Tourismus- und Eventmanagement): "In den vergangenen Jahren hab ich gelernt, dass ich meine Sehbehinderung gut annehmen kann." Unter dem Namen "Bélie Events" arbeitet die 28-Jährige als selbstständige Event- und Hochzeitsplanerin. Die Idee dazu kam – natürlich – bei einer Hochzeit: "Dort habe ich gesehen, dass die Trauzeugin ständig unterwegs war und Sachen organisiert hat. Da habe ich mir gedacht: Das wäre doch was für mich."

Seit 2021 ist sie nebenberuflich, seit 2024 hauptberufliche Event- und Hochzeitsplanerin. Der Start war jedoch herausfordernd: "Die Selbstständigkeit war ein Sprung ins kalte Wasser." Ob Komplettplanung oder Tageskoordination – die ersten Gespräche finden schon lange vor dem großen Tag statt. "Die Planung selbst beginnt meistens 1,5 Jahre bis zwei Jahre vor der Hochzeit. Ich versuche auch immer, die Vision des Hochzeitspaares zu erfassen. Am großen Tag selbst bin ich dann natürlich immer vor Ort."

Seit 2024 ist Hagelmüller vollberuflich als Hochzeitsplanerin tätig.
Michael Kobler

Organisations-Leitung des Diversity Balls

Hagelmüller ließ es sich nicht nehmen, sogar ihre eigene Hochzeit zu organisieren: "Na klar habe ich die selbst geplant! Aber die Tageskoordination hat meine Kollegin gemacht, die mich sonst immer als Assistentin begleitet." Nach der standesamtlichen Hochzeit Ende Juni wird im September dann noch groß in Griechenland gefeiert.

Neben ihrer Tätigkeit als Hochzeitsplanerin begleitet sie seit drei Jahren auch den Diversity Ball, seit 2023 ist sie dort für die Leitung der Organisation zuständig. Für sie ist das Event ein Vorreiter in Sachen Inklusion: "Es gibt ja nicht nur eine physische Barrierefreiheit, sondern auch eine psychische, finanzielle und eine kommunikative – das alles wird beim Ball berücksichtigt. So wird etwa alles in Gebärdensprache übersetzt. Es gibt große LED-Screens, dass jeder auch die Übersetzung sieht – das ist nur eines von vielen Beispielen", erklärt Hagelmüller.

Diversity Ball

Wann: Samstag, 5. September 2026

Wo: Wiener Rathaus (Lichtenfelsgasse 2, 1010 Wien)

Motto: "Move With Us"

Eintritt: Standard (ab 97 Euro), ermäßigt und Assistenz-Eintritte (ab 24 Euro), Ball-Eintritt und Tischplatz (ab 101 Euro), Midnight-Ticket (24 Euro)

Info: diversityball.at

Luftakrobatik als ausgleichendes Hobby

Im (Arbeits-)Alltag nutzt die 28-Jährige Sprachmemos sowie die Zoom-Funktion auf Handy und Computer. In Sachen Mobilität musste sie eine schwere Entscheidung treffen: "Bevor ich die Diagnose bekam, war ich gerade dabei, den Führerschein zu machen. Zwischen der ersten und der zweiten Perfektionsfahrt habe ich gemerkt, dass es nicht mehr geht. Ich habe den Führerschein dann freiwillig zurückgegeben – das war eine große Erleichterung."

Einen wichtigen Ausgleich zu ihrem stressigen Alltag findet Vollmann in der Luftakrobatik (Aerial Hoop): "Schon als Kind habe ich gerne geturnt. Über Poledance und Aerial bin ich dann zur Luftakrobatik gekommen. Ich habe immer voll viel im Kopf, und bei der Luftakrobatik kannst du richtig abschalten. Es ist körperlich total anstrengend, aber eben auch mental sehr fordernd."

Aerial Hoop ist für Hagelmüller ein wichtiger Ausgleich.
zVg

Humor gegen Vorurteile

Generell wünscht sich die 28-Jährige mehr Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung: "Es braucht einfach Berührungspunkte. Die Menschen wissen oft nicht, wie sie mit Beeinträchtigungen umgehen sollen – oder mit mir. Je mehr Berührungspunkte wir schaffen, desto mehr verbinden wir."

Vorurteilen begegnet sie häufig mit Humor: "Davon gibt es ganz viele. Das häufigste Kommentar, das ich zum Beispiel höre, ist: 'Brauchst du eine Brille?' Ich antworte dann meist mit Humor: 'Na, das hilft auch nix mehr.'"

Wunsch nach öffentlichen Vorbildern

Auch ihre Wahrnehmung habe sich verändert: "Ich war immer ein sehr visueller Mensch. Mit den Jahren bin ich immer mehr zu einem auditiven geworden. Es ist schon faszinierend, wie sich das Gehirn anpasst." Mit Blick auf die Zukunft meint Hagelmüller: "Ich werde nie komplett erblinden. Aber das Rundherum wird wahrscheinlich immer kleiner werden."

Umso wichtiger wäre es für sie, dass mehr Menschen mit Behinderungen sichtbar werden. Die 28-Jährige würde sich über mehr öffentlichkeitswirksame Vorbilder freuen, um anderen Mut zu machen: "Das hätte ich mir auch gewünscht, als ich mich mit einer Sehbehinderung selbstständig gemacht habe."

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