Mehr als zwölf Jahre nach seinem Horror-Sturz spricht Skisprung-Olympiasieger Thomas Morgenstern im "Mind Games"-Podcast über jenen Moment, der sein Leben mit einem Schlag veränderte und sein Karriereende besiegelte. Jänner 2014 verlor der Kärntner beim Skifliegen am Kulm in der Luft die Kontrolle, krachte auf den Aufsprunghang und blieb bewusstlos liegen. Die Diagnose: Schädel-Hirn-Trauma und Lungenquetschung.
Als Morgenstern wieder zu sich kam, wusste er selbst nicht, was passiert war. "Der Sprung ist quasi nie passiert in meinem Leben", sagt er. "Ich habe gesagt, ich kann nicht am Kulm gestürzt sein. Wenn ich am Kulm stürze, bin ich tot." Erst Ärzte und Trainer klärten ihn auf, später sah er das Video seines Sturzes. "Ich habe noch nie so ein stranges Gefühl gehabt, mir beim Skispringen zuzuschauen […] aber ich habe kein Gefühl zu diesem Sprung."
Besonders präsent ist für ihn der Moment mit seinen Eltern auf der Intensivstation. "Da habe ich gewusst: Da darf ich jetzt einfach keine Schwäche zeigen, weil die lässt mich nie wieder von der Schanze springen." Also spielte er die Verletzungen herunter. "Ich habe gesagt: 'Mama, mir geht’s super.' Noch am Kulm. Ich habe halt ein Schädel-Hirn-Trauma gehabt und eine Lungenquetschung, aber ich habe gesagt: 'Mir geht’s gut.'"
Wie knapp er einer noch schwereren Folge entging, wurde ihm erst später bewusst – auch durch das Schicksal eines Freundes. "Beim Skispringen kann leider auch hier und da eine Querschnittslähmung dabei sein. Da kennen wir ja den Lukas Müller, ein guter Freund von mir, der zwei Jahre später am Kulm gestürzt ist und seitdem im Rollstuhl sitzt." Der Vergleich lässt ihn bis heute nicht los: "Ich frage mich oft […] warum du und warum ich nicht?"
Der Sturz veränderte ihn nachhaltig und führte letztlich zum vorzeitigen Schlussstrich. "Mit 27 die Karriere zu beenden, war nicht leicht", sagt Morgenstern. "Ich weiß es bis heute nicht, warum das so sein hat müssen." Körperlich kam er glimpflich davon, doch das Gefühl am Schanzentisch sei fortan ein anderes geworden.
Ganz loslassen kann er den Sport trotzdem nicht. Wenn er heute bei der Vierschanzentournee in Bischofshofen steht, kommen die Erinnerungen zurück. "Dann denke ich mir: Ich möchte da jetzt ein Paar Ski haben. Ich möchte da oben sitzen auf der Schanze." Die Bilder und Emotionen seien geblieben. "Das sind einfach Bilder, die hast du in dir, die wirst du nie los. Solche großen Erfolge vermisse ich schon."
Sein Karriereende bewertet er heute nüchtern, aber mit einem klaren Zusatz: "Die Karriere zu beenden, war ein super Zeitpunkt. Nur leider um zehn Jahre früher."