Millisekunden entscheiden

Müller kämpfen in irrem Wettrüsten um Getreide

In der Schweiz geht es beim Import von Getreide zu wie bei einem 100-Meter-Sprint. Die Müller finden sich in einem irren und teuren Wettrüsten wieder.
Newsdesk Heute
09.07.2026, 08:19
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Um Weizen, Dinkel, Roggen und andere Sorten von Brotgetreide ist in der benachbarten Schweiz in den vergangenen Monaten ein regelrechter Wettkampf ausgebrochen. Der Geschäftsführer des Dachverbands der Schweizer Mühlen, Lorenz Hirt, zieht gegenüber "20 Minuten" sogar einen Vergleich mit dem Ticketverkauf für ein Taylor-Swift-Konzert: "Die freigegebenen Mengen sind jeweils innert Millisekunden aufgebraucht."

Das Kuriose daran: Es gibt eigentlich genug Brotgetreide für die Eidgenossen. Das Korn lagert an der Grenze und wartet nur darauf, importiert zu werden. Trotzdem ist der Import in der Schweiz streng reglementiert. Der Schweizer Zoll entscheidet per sogenanntem "Windhundverfahren", wer wie viel Getreide einführen darf und zu welchem Zollsatz.

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Wettrüsten um die schnellste IT – und die Verlierer

Wer das schnellste Internet und die beste Technik hat, ist klar im Vorteil. Hirt schildert: "Es kam unter den Müllern zu einem Wettrüsten in eigentlich unnötige IT-Infrastruktur, um im Kampf um die entscheidenden Millisekunden mithalten zu können." Größere Betriebe hätten es dadurch leichter, sich regelmäßig Kontingente zu sichern. Oft beauftragen diese sogar Dritte, die nahe an Internet-Knotenpunkten sitzen und punktgenau um Mitternacht Anmeldungen automatisiert losschicken.

Hirt berichtet: "Ich erhalte viele Anrufe von verzweifelten Müllern." Seit zwei Jahren belastet das Thema die Betriebe schwer. Grund seien die großen Preisunterschiede zwischen dem Inland und dem Ausland. Besonders bitter trifft es Mühlen, die auf Spezialgetreide angewiesen sind, das in der Schweiz entweder gar nicht oder nicht in der gewünschten Qualität verfügbar ist. Dadurch können Firmen ihre Verträge oft nicht erfüllen.

Das System sei laut Hirt nicht nur unfair, sondern funktioniere auch nicht immer wie gedacht. Er nennt etwa das Beispiel einer Firma, die für einen späteren Antrag auf normales Getreide eine Bewilligung bekam, aber für einen früher gestellten Antrag auf Spezialgetreide leer ausging.

Als Lösung schlägt Hirt vor, dass alle Anträge, die innerhalb der ersten 30 Sekunden eingehen, als gleichzeitig behandelt werden: "Hinter einem solchen System würde die ganze Branche stehen." Das würde für Fairness sorgen und Zufälle vermeiden.

Teuerung soll Nachfrage zu bremsen

Die Schweizer Regierung weiß um die Schwierigkeiten: Bei hoher Nachfrage sei das Windhundverfahren herausfordernd, heißt es in einer Antwort auf eine Anfrage der Grünen-Nationalrätin Christine Badertscher. Meist seien die Kontingente in wenigen Minuten ausgeschöpft.

Vom Vorschlag der Müller will der Bundesrat aber nichts wissen: "Anmeldungen, die innerhalb eines bestimmten Zeitfensters eingehen, als gleichzeitig angenommen zu behandeln, wäre mit den geltenden rechtlichen Bestimmungen nicht vereinbar." Stattdessen setzt die Regierung künftig verstärkt auf Versteigerungen: "Dies schafft für die Unternehmen mehr Planungssicherheit."

Die Müller sind davon wenig begeistert: "Bei einer Versteigerung würde das Getreide für die Branche verteuert, und zwar umso stärker, je dringender es im Inland gebraucht wird", warnt Hirt. In solchen Phasen würde der Bund der ohnehin schon angeschlagenen Wertschöpfungskette zusätzliche Kosten aufbürden und die Staatskasse füllen.

Das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit verweist auf eine laufende Motion. Sie fordert, dass der Bund die Zölle auf importiertes Brotgetreide bis zur WHO-Obergrenze anheben darf. Das soll laut Behörde die Nachfrage bremsen.

{title && {title} } red, {title && {title} } 09.07.2026, 08:19
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