"Eigentlich hätte ich tot sein müssen." Rebekka Kalaydjiev erzählt im Gespräch mit "Heute" ihre Geschichte und atmet tief ein. Ein Rückblick: Im September 2021 scheint das Leben der heute 26-Jährigen vollkommen in Ordnung zu sein. Die Wienerin hat nach der Schule drei Jahre in Florida am Basketball-College verbracht. Spielmacherin, Nationalspielerin - ein Weg, der klar vor ihr liegt. Doch dann kommt der Moment, der alles verändert.
„Meine Freundinnen haben mich vom Flughafen abgeholt. Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist das Krankenhaus.“ Kalaydjiev erzählt es nüchtern. Dazwischen liegt ein Unfall, an den sie selbst keine Erinnerung hat. Auf der Autobahn prallt jener Wagen, in dem sie auf der Rückbank sitzt, mit einem riskant überholenden Auto zusammen. Der Aufprall schleudert sie aus dem Fenster. Zehn Meter weiter kommt ihr Körper auf der Fahrbahn zum Liegen. Der Unfalllenker flüchtet und wird nie gefunden.
Als die Rettungskräfte eintreffen, schreit Kalaydjiev vor Schmerzen. Fünf Tage lang versetzen sie die Ärzte in einen künstlichen Tiefschlaf. Die Diagnosen wiegen schwer: Ein Bruch der Halswirbelsäule, die Kniescheibe in zwölf Teile zerlegt und der Schädel gebrochen. Der Körper muss eingegipst werden. „Ich wusste im Krankenhaus gar nicht, was passiert war“, sagt sie. Die Pflegerinnen müssen ihr erklären, wie sie hierhergekommen ist. An Basketball denkt sie in diesen Tagen nicht. Noch nicht einmal an ein Danach.
Doch Kalaydjiev kämpft sich zurück. Nach zwei Wochen verlässt sie, gestützt von ihrer Familie, das Krankenhaus. Zwei Monate später kehrt sie den USA vorerst den Rücken und setzt ihre Reha in Wien fort. Es ist ein mühsamer Weg zurück, körperlich wie mental.
2023 steht sie wieder auf dem Parkett. Zunächst in den USA, spielt sie anschließend für UBI Graz, das 3x3-, und das 5x5-Nationalteam. Seit einem Monat läuft sie für die Flames in ihrer Heimatstadt Wien auf. Beim Debüt legt sie 15 Punkte und fünf Rebounds auf.
Ganz verschwunden ist der Unfall nicht. Die Nachwirkungen sind bis heute spürbar – sowohl psychisch als auch physisch. „Manchmal wache ich nachts auf und habe den Unfall vor mir, obwohl ich mich gar nicht daran erinnern kann.“ Und auch der Körper setzt Grenzen. Schrauben im Nacken, ein lädiertes Knie. „Ich weiß, dass ich nicht mehr ewig spielen werde.“
Vielleicht ist Wien auch deshalb nur als Zwischenstation angedacht. Ab April, mit dem Start der Saison in Down Under, will Kalaydjiev nach Australien wechseln. Ein Ort, den sie kennt, den sie mag. „Ich war einmal dort auf Reisen und habe mich in das Land verliebt. Ich möchte noch etwas von der Welt sehen.“ Es ist die Sicht auf das Leben, die sich durch den Unfall verändert hat. "Ich war dem Tod so nah, dass ich heute das Gefühl habe, alles unter Kontrolle zu haben. Das Leben ist zu kurz für jegliche Form von Negativität."
Zunächst gilt der Blick jedoch dem Hier und Jetzt. Den Cup-Finals mit den Flames. Am 3. Jänner trifft sie im Halbfinale in der Sport Arena Wien auf DBBZ Graz. "Wir wollen unbedingt ins Finale", sagt sie und fügt hinzu: "Ich glaube fest daran, dass wir es schaffen können."
Die Favoriten sieht sie anderswo. Klosterneuburg und ihr Ex-Klub aus Graz treffen im zweiten Halbfinale aufeinander. „Aber wir sind heiß“, sagt Kalaydjiev. "Und wir wollen ihnen Paroli bieten." Das Finale findet am Sonntag (4.1) statt. Die Tickets sind auf der Sportseite der Stadt Wien erhältlich. Für Rebekka Kalaydjiev ist es mehr als ein Cup-Wochenende. Es ist ein weiterer Beweis, dass sie ihre Leidenschaft weiter leben kann.