Rachel Cusk schreibt seit Jahrzehnten kompromisslos über Identität, Mutterschaft und weibliche Lebensentwürfe. Mit ihrem neuen Roman "Das Leben der M" sorgt die britische Autorin nun für Aufsehen: Viele erkennen in der Hauptfigur Natalie Portman. Doch hinter dem vermeintlichen Prominentenporträt steckt vor allem ein literarisches Experiment – das nicht immer überzeugt.
Schon vor der Veröffentlichung wurde darüber spekuliert, wer hinter der weltberühmten Schauspielerin "M" steckt. Die Hinweise auf Natalie Portman sind auffällig: Filmrollen erinnern an "Black Swan", "Léon – Der Profi" und "Jackie", zudem lebt M wie Portman in Paris und interessiert sich intensiv für Literatur.
Portman wiederum hatte Cusks "Outline"-Trilogie öffentlich gelobt. Medienberichten zufolge kennen sich die beiden auch persönlich – ein Umstand, der die Debatte zusätzlich anheizte.
Die britische Presse reagierte teils drastisch. Der "Telegraph" sprach von einem "literarischen Attentat", der "Hollywood Reporter" vom "literarischen Skandal des Jahres". Tatsächlich zeichnet Cusk kein besonders schmeichelhaftes Bild ihrer Figur. M erscheint misstrauisch, distanziert und seltsam unbestimmt.
Solche Provokationen sind für Cusk allerdings nichts Neues. Bereits in früheren Büchern schrieb sie schonungslos über Mutterschaft, Ehe und Trennung. Mit ihrer gefeierten "Outline"-Trilogie experimentierte sie zudem mit klassischen Erzählformen und der Frage, wie Identität literarisch dargestellt werden kann.
Ob Portman tatsächlich das Vorbild für M ist, lässt Cusk offen. Für sie sei diese Frage nicht entscheidend. Prominente Menschen seien Teil des kollektiven Bewusstseins und könnten deshalb auch Gegenstand literarischer Erkundungen sein.
Genau damit spielt "Das Leben der M". Eine klassische Handlung gibt es kaum. Stattdessen folgen Begegnungen, Gespräche und Beobachtungen in Hotels, Limousinen, auf Terrassen oder in einem Spa. Dabei verschwimmen Realität, Vermutung und Erfindung zunehmend.
Im Zentrum steht die These, dass M aufgrund ihrer frühen Berühmtheit nie eine stabile Identität entwickeln konnte. Sie kann vor der Kamera überzeugend andere Menschen verkörpern, wirkt außerhalb ihrer Rollen jedoch wie ein leeres Gefäß. Der Ruhm scheint ihren persönlichen Reifungsprozess eingefroren zu haben.
Gerade die Nähe zu einer realen Berühmtheit macht den Roman reizvoll und problematisch zugleich. Cusk untersucht nicht nur M, sondern auch den Blick der Erzählerin auf sie. So wird das Buch zu einer Reflexion darüber, ob sich ein anderer Mensch überhaupt wahrheitsgetreu beschreiben lässt.
Auf Dauer wirkt dieses Experiment allerdings anstrengend. Trotz zahlreicher biografischer Details entsteht wenig emotionale Nähe, und die abstrakten Überlegungen ersetzen häufig eine wirkliche Handlung.
Am Ende beschwert sich M darüber, wie sie porträtiert wurde. Die Erzählerin entgegnet, dass die Figur gar nicht sie sei, sondern niemand Bestimmtes. Genau darin steckt die Provokation des Romans: Er nutzt die erkennbare Nähe zu Natalie Portman und bestreitet zugleich, tatsächlich von ihr zu handeln.
"Das Leben der M" ist damit interessanter, als die Schlagzeilen über einen Prominentenskandal vermuten lassen – als Einstieg in Rachel Cusks Werk sind ihre früheren Bücher jedoch die bessere Wahl.