Die Warnungen werden immer lauter: Europas Weltraum-Infrastruktur womöglich verwundbarer als gedacht. Russland soll es gelungen sein, die Kommunikation von mindestens einem Dutzend europäischer Satelliten abzufangen. Das berichtet die "Financial Times" unter Berufung auf EU-interne Quellen Anfang Februar.
Namentlich nicht genannte Beamten äußerten demnach die Befürchtung, dass die bisher geheim gehaltenen, dass es Moskau auch möglich sein könnte, die Satelliten aus ihrem Orbit zu kegeln. Insgesamt 17 europäische Satelliten könnten demnach betroffen sein, berichtet der "Kurier".
Bereits im September 2025 warnte der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius bei einem Weltraumkongress: Satelliten seien die Achillesferse moderner Gesellschaften. "Wer sie angreift, legt ganze Staaten lahm."
Sollte es Russland tatsächlich gelungen sein, Signale abzufangen, hätte das weitreichende Konsequenzen. Geostationäre Satelliten sind für militärische Kommunikation, Navigation, Wetterprognosen, Luft- und Seefahrt sowie das Fernsehen unverzichtbar.
Vor allem Cyberattacken und sogenanntes Jamming, also das gezielte Stören von Funksignalen, gelten als große Gefahr. Besonders brisant: Viele europäische Satelliten sind veraltet, ihre Signale nicht ausreichend verschlüsselt. Eine nachträgliche Aufrüstung im All ist nicht möglich – dazu sind sie viel zu weit von der Erde entfernt.
Geostationäre Satelliten befinden sich knapp 36.000 Kilometer über einem Fixpunkt auf der Erdoberfläche im All. Sie sind damit deutlich weiter draußen als beispielsweise die erdnahen Starlink-Konstellationen (330–615 km).
Russland hingegen setzt seit Jahren auf eigene Spionagesatelliten. Der erste wurde 2014 gestartet, im selben Jahr, in dem Moskau die Krim annektierte. Seither folgten weitere Starts, zuletzt im Juni 2025. Besonders im Fokus stehen die Luch- bzw. Olymp-K-Satelliten. Sie führen seit Jahren verdächtige Manöver durch, erst kürzlich tauchte einer davon in unmittelbarer Nähe europäischer Systeme auf.
Ein hochrangiger europäischer Geheimdienstmitarbeiter sagte, die Luch-Satelliten seien "mit ziemlicher Sicherheit" dazu bestimmt gewesen, sich innerhalb des engen Kegels der Datenstrahlen zu positionieren, die von Bodenstationen zu den Satelliten gesendet werden.
Laut Generalmajor Michael Traut, Chef des Weltraumkommandos der deutschen Bundeswehr, sollen sie wohl Signale von und zur Erde abfangen. Solche Informationen könnten im Ernstfall genutzt werden, um Satelliten gezielt zu stören oder sogar zu kapern.
Wie dramatisch die Folgen sein können, zeigte bereits 2022 der Angriff auf den KA-SAT-Satelliten. Kurz vor Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine wurde ein Satellit der US-Firma Viasat durch Hackern lahmgelegt. Die ukrainische Militärkommunikation war massiv beeinträchtigt. Doch auch in Deutschland, Großbritannien und Skandinavien verloren zehntausende Geräte ihre Internetverbindung. In Zentraleuropa standen 5.800 Windkraftanlagen still.
Der Weltraum wird damit immer mehr zum Schauplatz geopolitischer Spannungen – und Europa reagiert.
Bei der Europäischen Raumfahrtkonferenz in Brüssel wurde erst Ende Jänner der Start von GOVSATCOM bekannt gegeben. Damit sollen alle Mitgliedsstaaten sowie Partner wie Großbritannien, Norwegen und die Ukraine Zugang zu sicherer und verschlüsselter Satellitenkommunikation erhalten. "In Europa entwickelt, in Europa betrieben, unter europäischer Kontrolle", betonte Andrius Kubilius, EU-Kommissar für Verteidigung und Raumfahrt.
Schon im kommenden Jahr soll die Abdeckung und auch die Bandbreite deutlich ausgebaut werden. Bis 2029 sollen im Rahmen des IRIS²-Programms 290 neue EU-Satelliten in einer Konstellation in Vollbetrieb stehen.
Ziel ist es, eine sichere, unabhängige und flächendeckende Internet- und Kommunikationsinfrastruktur für Regierungsorganisationen, Unternehmen und Bürger in Europa zu sichern, so Kubilius.