Der Bus dröhnt, im Zug wird telefoniert, im Büro klappert die Tastatur. Ein Klick – und plötzlich ist Ruhe. Noise-Cancelling-Kopfhörer sind für viele längst der kleine Fluchtknopf im Alltag. Doch rund um die beliebten Ohrenschmeichler hält sich ein Verdacht: Machen sie auf Dauer das Gehör kaputt?
Dr. Christoph Balber von der HNO-Ambulanz des Linzer Ordensklinikums Barmherzige Schwestern ordnet ein: "Noise-cancelling-Kopfhörer sind ein großes Thema in der Bevölkerung, bei uns auf der HNO-Abteilung im Krankenhaus aber eher weniger."
Denn gefährlich wird es nicht automatisch durch die Technik, sondern vor allem durch das, was viele damit machen: zu laut aufdrehen. Besonders moderne In-Ear-Kopfhörer sitzen mit ihren Gummiaufsätzen dicht im Ohr. Der Schall kann kaum ausweichen – er geht direkt Richtung Trommelfell.
"Bei den früheren Modellen hingen die In-Ear-Kopfhörer eher in den Ohren – mittlerweile jedoch verschließen diese den Eingang zum Gehörgang mit den Gummiaufsätzen quasi komplett", erklärt Balber. Bei On-Ear- oder Over-Ear-Modellen kann der Schall eher seitlich entweichen. Bei In-Ears gibt es dagegen praktisch nur eine Richtung: hinein ins Ohr.
"Sobald das Gehörte aber zu laut wird, ist das Einzige, was nachgeben kann, das Trommelfell", erklärt der HNO-Arzt. "Die gesamte Schallwelle wird dann wie mit einem Presslufthammer über die Gehörknöchelchen ins Innenohr geleitet – man bekommt nicht nur einen Teil dieser Welle ab, sondern die gesamte."
Spannend ist für Balber ein anderer Verdacht: Verlernen wir durch die Dauer-Stille, Alltagsgeräusche auszublenden? Atmen, Schlucken, Kauen – das Gehirn filtert solche Geräusche normalerweise weg. Der Mediziner relativiert aber: "Jedoch tragen die Menschen diese Kopfhörer ja nicht 24 Stunden täglich." Bei Kindern könnte das theoretisch heikel werden – mehr Sorgen machen Balber aber Handy, Tablet und Co. als Dauer-Reizfeuer fürs Gehirn.
Am Ende könnten Noise-Cancelling-Kopfhörer dem Gehör sogar helfen. Weil der Lärm rundherum verschwindet, muss Musik oft gar nicht mehr so laut sein. Balbers Tipp: bewusst hinhören – und leiser drehen. "Wenn man dann merkt, okay, das ist jetzt eigentlich gar nicht notwendig, dass ich die Lautstärke so hoch eingestellt habe, tut man seinem Gehör einen großen Gefallen, den Geräuschpegel etwas zu reduzieren."