Die Nachspielzeit läuft, die Spannung ist kaum auszuhalten. Millionen Fans starren gebannt auf den Bildschirm, die Hände sind feucht, der Puls rast. Dann fällt das entscheidende Tor. Während die einen jubelnd aufspringen, sackt anderen buchstäblich das Herz in die Hose. Was viele nicht wissen: Solche emotionalen Ausnahmesituationen können den Körper tatsächlich massiv belasten.
"Fußballschauen kann ans Herz gehen, gar keine Frage", sagt Thomas Meinertz, Kardiologe und Pharmakologe vom Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung gegenüber "PTA heute". Besonders problematisch sind Spiele, bei denen Fans emotional stark involviert sind.
Der Körper reagiert dabei ähnlich wie in anderen Stresssituationen: Adrenalin und andere Stresshormone werden ausgeschüttet, Puls und Blutdruck steigen an, das Herz arbeitet auf Hochtouren. Für gesunde Menschen ist das meist unproblematisch: Wer jedoch bereits unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen leidet, kann dadurch zusätzlich belastet werden.
Dass es sich dabei nicht nur um ein theoretisches Risiko handelt, zeigen mehrere wissenschaftliche Untersuchungen: Deutsche Mediziner analysierten die Zahl der Herzinfarkt-Patienten während der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und verglichen die Daten mit anderen Zeiträumen.
Dabei zeigte sich, dass während der WM mehr Menschen wegen eines Herzinfarkts behandelt werden mussten als in den Vergleichszeiträumen. Die Gesamtzahl der Patienten mit Myokardinfarkt lag während des Turniers höher als in den untersuchten Vergleichsjahren. Besonders aufmerksam wurden die Forscher bei Spielen der deutschen Nationalmannschaft, die regelmäßig hohe Einschaltquoten und entsprechend starke emotionale Reaktionen auslösten.
Auffällig war vor allem das Endspiel zwischen Deutschland und Argentinien: Während die allgemeine Krankenhaussterblichkeit während der Weltmeisterschaft nicht erhöht war, registrierten die Forscher beim Finale die höchste Krankenhaussterblichkeit innerhalb des Untersuchungszeitraums. Die Belastung durch das emotionale Ausnahmeereignis dürfte dabei eine wichtige Rolle gespielt haben.
Die WM 2014 ist allerdings kein Einzelfall: Bereits eine frühere Studie, die im renommierten "New England Journal of Medicine" veröffentlicht wurde, kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Auch dort zeigte sich eine Häufung von Herz-Kreislauf-Ereignissen während Spielen der deutschen Nationalmannschaft.
Ärztin und Content Creatorin Celine Wagner erklärt das Phänomen auf Instagram mit einer einfachen Formel: Fußball aktiviert dieselben biologischen Mechanismen wie andere Stresssituationen.
Während des Mitfieberns schüttet der Körper vermehrt Stresshormone aus. Der Blutdruck steigt, die Herzfrequenz nimmt zu und die Blutgefäße werden stärker belastet. Besonders dramatische Spielverläufe, Verlängerungen oder Elfmeterschießen können diese Reaktionen zusätzlich verstärken: Je emotionaler die Bindung an eine Mannschaft ist, desto stärker fällt die körperliche Reaktion oft aus.
Für die meisten Fans bleibt die erhöhte Anspannung ohne Folgen. Menschen mit bekannten Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten bei besonders aufregenden Spielen jedoch vorsichtig sein. Experten empfehlen, Warnsignale wie Brustschmerzen, Atemnot, Schwindel oder plötzliches Unwohlsein ernst zu nehmen und gegebenenfalls medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen.