Verliert Wladimir Putin die Kontrolle über Russland? Für den Schweizer Militärökonomen Marcus M. Keupp ist die Antwort klar: Der Kreml-Kriegstreiber kämpft mit den Methoden des vergangenen Jahrhunderts gegen die Realität des 21. Jahrhunderts – und gerät dabei zunehmend unter Druck.
Im Gespräch mit ZDFheute zeichnet Keupp ein düsteres Bild für die Zukunft des russischen Präsidenten. Die Entwicklungen an der Front, die wirtschaftliche Lage und die Stimmung innerhalb Russlands erinnerten ihn immer stärker an die letzten Jahre der Sowjetunion.
"Sie haben einen Staatslenker/Kriegsverbrecher, der tief im Denken des 20. Jahrhunderts verankert ist", sagt der Professor an der Militärakademie der ETH Zürich. Putin gehe noch immer davon aus, dass sich militärische Konflikte durch schiere Masse gewinnen lassen. Nach dem Motto: "Menschenleben sind mir egal, werfe ich einfach so viel Menschen und Ressourcen an die Front, bis ich durch die schiere Übermacht gewinne."
Doch genau diese Strategie stoße zunehmend an ihre Grenzen. Vor allem die technologische Entwicklung auf dem Schlachtfeld habe die Spielregeln verändert. Die Ukraine sei inzwischen in der Lage, mit modernen Drohnensystemen große Teile der russischen Logistik zu bedrohen.
"Sie können zwar ohne weiteres Tanklaster hinschicken, sie können Menschen an die Front schicken, aber sie kommen durch diesen Drohnengürtel, also durch diese Todeszone einfach nicht mehr durch", erklärt Keupp.
Besonders schmerzhaft seien die Angriffe tief im russischen Hinterland. Dort werde die wirtschaftliche Grundlage des Kremls getroffen. Raffinerien, Treibstofflager und Hafenanlagen stünden immer häufiger im Visier ukrainischer Langstreckendrohnen. "Die russische Petrodollarökonomie wird dort getroffen, wo es richtig weh tut und vor allem dort, wo niemand jemals gedacht hat, dass die Ukraine dahin könnte."
Russland könne dadurch seine Energieexporte zunehmend schlechter auf die Weltmärkte bringen. Gleichzeitig benötige das Land immer größere Mengen an Treibstoff für den eigenen Krieg. Zusätzlichen Druck sieht der Militärökonom durch ein verändertes Verhalten Europas. Immer häufiger würden Schiffe der russischen Schattenflotte gestoppt und Sanktionen hart durchgesetzt. "Europa beginnt, ein Rückgrat zu wachsen", sagt Keupp. Auch damit habe Putin seiner Ansicht nach nicht gerechnet.
Gleichzeitig werde Europa unabhängiger von fossilen Brennstoffen. Für Russland ist das auch langfristig ein riesiges Problem. "Die europäischen Nationen haben so langsam verstanden, was Energiewende heißt, machen sich immer unabhängiger von fossilen Brennstoffen. Und Russland steht jetzt da mit den Verpflichtungen der Petrodollarökonomie, aber kriegt seine Produktion nicht mehr auf den Weltmarkt."
Für die Finanzierung seines Angriffskriegs wird das zunehmend zum Problem: "Da kann der Ölpreis auch 140 Dollar pro Barrel oder mehr sein. Das nützt ihm nichts, wenn das Öl nicht auf See kommt."
Besonders bemerkenswert ist für Keupp die historische Dimension der aktuellen Entwicklung. Russland bewege sich immer stärker in eine Situation, die jener der Sowjetunion in ihren letzten Jahren vor dem Zusammenbruch gleiche. Damals wie heute gebe es mehrere Faktoren, die sich gegenseitig verstärken: einen langen und verlustreichen Krieg, wirtschaftliche Probleme durch eine Öl-Krise und eine zunehmend unzufriedene Bevölkerung.
Wenn Benzin knapp wird, und die Preise für Lebensmittel steigen, stellen sich selbst die politisch passiven Russen irgendwann die Frage nach dem Nutzen des Kriegs. "Putin hat es mittlerweile sogar verboten, Umfragen zu seinen eigenen Beliebtheitswerten zu publizieren, weil die Russen ihn nicht mehr wirklich durchgängig als beliebtesten Politiker nennen."
Keupp verweist außerdem auf einen Aspekt, der seiner Meinung nach oft unterschätzt wird: Russland sei kein klassischer Nationalstaat, sondern ein multiethnisches Imperium mit zahlreichen Volksgruppen. "Wenn die Völker des Imperiums irgendwann mal merken, dass sie nichts zu gewinnen haben, gibt es zunehmende ethnische Destabilisierung und ethnische Unruhen in den Provinzen."
Gemeinsam mit den wirtschaftlichen Problemen und dem Krieg entstehe dadurch ein gefährlicher Mix. "Das alles generiert eine Art tödlichen Cocktail, weil nichts davon hat Putin wirklich unter Kontrolle."
Für Keupp liegt die eigentliche Ursache der Probleme in Putins Weltbild. Der Kreml-Chef versuche weiterhin, die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts mit den Werkzeugen des vergangenen Jahrhunderts zu lösen.
"Da haben wir wieder das Thema: 20. Jahrhundert, versucht irgendwie immer das zu machen, was es macht, weil es nichts anderes kennt. Das 21. Jahrhundert sagt jetzt einfach: 'Nö, du bist einfach nicht mehr relevant. Wir machen jetzt ein anderes Spiel.'" Deshalb erscheine Putin zunehmend als ein "Relikt, das irgendwann von der Geschichte entsorgt wird."
Wann dieser Prozess seinen Höhepunkt erreicht, könne allerdings niemand seriös vorhersagen. "Es hat begonnen und zwar in einer Weise, dass es sich nicht mehr aufhalten lässt. Wie lange das dauert, bis es durchbricht, ist jetzt die große Frage."
Ob Putins System tatsächlich ähnlich endet wie einst die Sowjetunion, werden erst die Historiker beurteilen können. Für Marcus Keupp steht jedoch fest, dass die Kräfte, die derzeit auf Russland einwirken, längst größer geworden sind als ein einzelner Mann im Kreml. Der Druck wird zu groß. "Das kann 8 Jahre dauern, es kann auch möglicherweise sehr schnell gehen." Genau darin liegt für Putin womöglich die größte Gefahr.