Die Welt steht vor einer historischen Zäsur – zumindest, wenn es nach dem Militärökonomen Marcus M. Keupp geht. Der 48-Jährige von der ETH Zürich zeichnet im Interview mit Schweizer Medien ein drastisches Bild der globalen Lage. Seine These: "Ich glaube wirklich, dass 2026 so eine Art doppelter Wendepunkt in der Weltgeschichte werden könnte."
Für Keupp ist klar, warum. Einerseits habe der Rechtspopulismus seinen Höhepunkt überschritten. "Das Fanal dafür ist die Ungarn-Wahl." Andererseits zeichne sich im Ukraine-Krieg eine Entwicklung ab, die viele lange ausgeschlossen hätten: "dass Russland den Krieg verlieren wird."
Diese Einschätzung begründet der Experte mit mehreren Faktoren. "Sie merken das am Zurückschrauben der russischen Kriegsziele." Auch wirtschaftlich gerate Moskau zunehmend unter Druck. "Die Inflation steigt stark an, die Produktivkraft sinkt, den enormen Opfern steht bisher kein Ertrag gegenüber."
Besonders deutlich wird er bei der militärischen Lage: "Sie sehen auch, dass die Taktik der Russen – wir schieben die Front, egal, was es an Menschenleben kostet, Kilometer für Kilometer voran – immer weniger funktioniert". Der enorme Blutzoll hat Folgen: "Putin gehen langsam nicht nur die militärischen Systeme aus, sondern auch die Menschen" – weshalb immer höhere Summen für den Kriegsdienst geboten werden müssen. Gleichzeitig macht die Ukraine massive technologische Fortschritte.
Keupp spart nicht mit Kritik an der bisherigen Wahrnehmung Russlands im Westen. "Putins Armee ist nicht die glorreiche Sowjetarmee aus dem Großen Vaterländischen Krieg, sondern bloß noch der degenerierte Rest davon." Es sei Zeit für ein Umdenken: "An dem herbei geschriebenen Russland-Bild der angeblichen Supermacht [...] halten nur noch verbohrte Rechtspopulisten fest. Und diese landen vielleicht bald schon auf dem Müllhaufen der Geschichte."
Trotz aller Krisen bleibt Keupp auffallend optimistisch. "Ich weiß, ich gelte als unverbesserlicher Optimist", sagt er – und legt nach: "Aber ich glaube wirklich, dass dieses Beispiel der Ukraine ein Wendepunkt und der Beginn einer neuen Epoche ist." Sie führe allen vor Augen, wie man sich erfolgreich gegen "das letzte verbliebene Imperium Russland" wehren könne.
Es sei eine "große historische Ironie, dass bisher auf alle autoritären Krisen [...] immer ein progressives Zeitalter gefolgt ist". Auch die politische Entwicklung in Ungarn sieht er dahingehend als Signal. "Es ist schön zu sehen, dass der Populismus letztlich an sich selbst scheitert." Die Wähler hätten erkannt, dass hinter den Parolen wenig Substanz steckt. Besonders brisant: Orbans Nähe zu Russland könnte ihm politisch geschadet haben. "Das ungarische Volk hat eben durchschaut, wohin diese Pro-Putin-Politik führen würde."
Keupp: "Nach dem brutal unterdrückten Aufstand von 1956 haben die Ungarn 70 Jahre später wieder so eine Art kleinen Freiheitsaufstand geübt, der sich indirekt wieder gegen einen russischen Diktator gerichtet hat. Das ist eine besondere historische Pointe."
Während Europa innenpolitisch etwas aufatmet, bereitet die Lage im Nahen Osten weiter massives Kopfzerbrechen. Die wirtschaftlichen Folgen des US-israelischen Angriffskriegs gegen den Iran werden für die ganze Welt heftig – auch für Trumps eigene Wählerbasis.
Präsident Donald Trump habe den Konflikt völlig unterschätzt: "Trump und seine Berater scheinen tatsächlich völlig unvorbereitet diesen Krieg begonnen zu haben und wursteln sich jetzt von Tag zu Tag durch." Besonders deutlich wird er hier: "Die USA hinterlassen gerade einen ziemlich hilflosen Eindruck."
"Wir haben leider noch immer eine fossile Weltwirtschaft. Eine fundamentale Unterversorgung mit Öl wirkt sich deshalb irgendwann auf die Warenpreise aus und führt eine induzierte Inflation herbei." Besonders kritisch sieht er die langfristigen Effekte: "Wenn diese Inflation erst einmal in den Warenpreisen drin ist, dann kriegt man sie fast nicht mehr raus." Das würde auch für Österreich und die Schweiz zum Problem. Die langfristige Lösung für Europa? "Mit dieser Abhängigkeit von fossilen Treibstoffen muss ein für alle Mal Schluss sein."
Kurzfristig sieht Keupp in dieser Krise aber nur drei Szenarien. Entweder ein langes Tauziehen mit hoher Inflation, ein politischer Deal mit Risiken oder eine militärische Eskalation der USA. Sein Fazit: "Keines dieser Szenarien klingt wirklich gut."
Düsterer Nachsatz: "Trump muss jetzt tatsächlich irgendeine Art von Passage-Abkommen mit dem Iran abschließen oder sich den Weg durch die Straße von Hormus reinschießen, sonst wird der innen- und außenpolitische Druck zu groß auf ihn."
Doch kann sich Putin wirklich die Hände reiben? Keupp sieht Russland nicht als Netto-Profiteur – im Gegenteil. "Ich muss immer lächeln, wenn ich von der angeblich engen Verbindung zwischen Trump und Putin lese. In Wirklichkeit führt Trump Putin gerade auf der Weltbühne vor und zeigt deutlich auf, was Russland alles nicht kann."
Moskau sei geopolitisch zunehmend isoliert. Venezuela, Syrien, Schattenflotte – "nirgends konnte Putin wirksam eingreifen", sagt er. "Selbst der Iran-Krieg zeigt Russlands graduellen Machtverlust."
Für den Militärökonomen ist auch klar: "Ein hoher Ölpreis ist völlig irrelevant, wenn die russischen Tanker nicht auf See kommen." Die Ukraine nutzt genau diesen Hebel gezielt aus und führt Luftangriffe auf Putins fossile Export-Infrastruktur durch. Dennoch konnte der Kreml-Herrscher seine Kriegskasse mit einigen Milliarden Dollar zusätzlich füllen.
Die aktuelle Weltlage beschreibt der Experte als Übergangsphase. "Ich denke, was wir gerade erleben, sind die letzten Zuckungen des 19. und 20. Jahrhunderts." Gleichzeitig entstehe eine neue Ordnung: "Hier bricht gerade die russische Fassade zusammen."
Trotz Kritik und Gegenwind bleibt Keupp bei seinen teils aufsehenerregenden Einschätzungen: "Ich habe dann immer gesagt: Über uns alle richtet die Geschichte, wir sprechen uns, wenn der Krieg vorbei ist. Und er wird sicher noch einige Zeit dauern."
Auf Anfeindungen reagiert er gelassen. "Getroffen hat es mich nicht. Ich habe das stets mit einem ironischen Lächeln zur Kenntnis genommen." Und mit einem Augenzwinkern ergänzt er: "Es gibt bestimmt eine Akte über mich beim russischen Inlandsgeheimdienst FSB, auch darauf bin ich stolz."
Sein Antrieb ist klar: Wissenschaft soll wirken. "Mein Wissenschaftsverständnis ist, dass Wissenschaft immer auch ein Dienst an der Gesellschaft [...] sein muss." Deshalb habe er sich gleich zu Beginn der russischen Vollinvasion der Ukraine entschieden, öffentlich Stellung zu beziehen. "Ich konnte nicht schweigen, der Gedanke daran war unerträglich."