Militärökonom Marcus Keupp

Passiert das, wird Ukraine für Putin sofort unwichtig

Vier Jahre, Hunderttausende Tote, massive Sanktionen und eine Wirtschaft am Abgrund: Warum führt Wladimir Putin seinen Krieg trotzdem weiter?
Newsdesk Heute
28.05.2026, 17:58
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Militärökonom Marcus Keupp von der ETH Zürich liefert im Gespräch mit dem "Standard" eine düstere Antwort auf diese Frage. Der Kreml-Kriegstreiber stecke längst in einer gefährlichen Logik fest – und könne kaum noch zurück.

"Der Angreifer sollte sich einen Krieg immer sehr gut überlegen, weil der erfolgreiche Ausgang extrem spekulativ ist", sagt Keupp. Wer einmal tief im Konflikt steckt, komme nur schwer wieder heraus. Dahinter stecke die sogenannte "Sunk-Cost-Fallacy". Wer schon enorm viele Ressourcen versenkt hat, will nicht akzeptieren, dass alles umsonst gewesen sein könnte. Daraus wird schnell eine irrationale Eskalationsspirale: Um das Verlorene zurückzugewinnen, werden noch viel mehr Ressourcen nachgebuttert, selbst wenn es aussichtslos ist. Das endet oft mit einem Totalverlust.

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"Wenn sie schon sehr viel in einen Krieg hineingesteckt haben und sich rechtfertigen müssen gegenüber der eigenen Bevölkerung, wofür diese Leute gestorben sind, dann können sie nicht einfach sagen: Wir haben es probiert, hat halt nicht funktioniert", erklärt Keupp. Demokratische Regierungen würden dafür politisch "massakriert", Diktatoren wie Putin könnten hingegen deutlich länger weitermachen.

Marcus Keupp unterrichtet Militärökonomie an der Militärakademie der ETH Zürich. Seine Forschungsschwerpunkte sind militärische und ökonomische Analyse der russischen Föderation sowie der russisch-ukrainische Krieg.
Archivbild: 20 Minuten / privat

"Krieg ist negative Produktion"

Der Wissenschafter verweist auf historische Beispiele wie Vietnam oder den sowjetischen Afghanistan-Krieg. Auch dort hätten sich Großmächte immer tiefer in Konflikte hineingesteigert, weil sie den Punkt zum Abbruch nicht mehr fanden. Genau das passiere nun auch in der Ukraine. Auch Putins Russland habe sich verschätzt: "Das russische Kalkül 2022 war: Kyjiw in drei Tagen, der Krieg ist schnell vorbei", so Keupp. Die erwarteten Sanktionen der westlichen Welt wollte Moskau aus seinen gut gefüllten Reserven abfedern. Doch der Blitzkrieg und somit Putins ursprünglicher Plan scheiterte.

Russland musste deshalb seine gesamte Wirtschaft auf eine "keynesianische Kriegsökonomie", in der immer mehr Staatsgeld in Waffenproduktion fließe. "Das geht natürlich einher mit massiven Verschiebungen. Viele wirtschaftliche Indikatoren wie das Bruttoinlandsprodukt verlieren ihre Aussagekraft." Das Problem: Diese künstlich gepushte Produktion vernichtet sich selbst. "Krieg ist negative Produktion. Sie stellen Güter her, die zur Zerstörung bestimmt sind." Gleichzeitig würden Menschen ausgebildet, obwohl klar sei, dass viele sterben. Als Arbeitskräfte fehlen sie danach der Wirtschaft.

Enorme Schäden

"Krieg ist eigentlich nichts, was sie als Volkswert gerne machen. So was würden sie als rationale Ökonomie nicht machen." Besonders dramatisch seien die langfristigen Schäden. Deren Höhe lasse sich nicht nur in Rüstungsausgaben oder zerstörten Raffinerien bemessen. Die wahren Kosten eines Krieges müsse man vielmehr über sogenannte Opportunitätskosten verstehen, argumentiert der Militärökonom.

Russland habe mittlerweile über eine Million Menschen verloren – entweder durch Tod oder Auswanderung. Besonders schwer wiege der Verlust gut ausgebildeter Fachkräfte. Vor dem Krieg sei Russland etwa bei der Softwareentwicklung international konkurrenzfähig gewesen. Viele dieser Experten leben heute jedoch in der Türkei, Georgien oder Kasachstan. "Diese Softwareentwickler gehen natürlich auch nicht zurück, weil sie sofort in die Armee gepresst würden", erklärt Keupp. Das Wissen wandere damit dauerhaft ins Ausland ab. Andere Staaten profitieren davon, während Russland selbst seine Zukunftsfähigkeit verliert.

Auch innerhalb des Landes werde der Arbeitskräftemangel immer dramatischer. Viele Männer wechseln freiwillig ins Militär, weil die Prämien dort wesentlich höher sind als zivile Gehälter. Andere würden direkt eingezogen. "Wenn der Ingenieur an der Front ist oder ausgewandert, dann baut der nicht an der Maschine der nächsten Generation weiter", sagt Keupp. Genau diese versteckten Kosten würden oft unterschätzt.

"Kalaschnikow-Ökonomie"

Besonders brutal fällt seine Einschätzung zum Umgang des Kremls mit den eigenen Soldaten aus. "Man muss zynisch sagen: Die meisten kommen nicht zurück von der Front", erklärt der Militärökonom. Russland behandle seine Menschen seit Jahrhunderten als "entbehrliches Fleisch, das einfach hingeopfert wird". "Das ist typisch für den russischen Umgang mit Menschenleben", sagt er. Das hätten die Zaren schon so gehandhabt und Putin nun ebenso.

Langfristig drohe Russland deshalb eine sogenannte "Kalaschnikow-Ökonomie" zu werden: wirtschaftlich primitiv, aber stabil. "Natürlich wird der ganze Wohlstand des Volkes darüber verloren gehen, aber wenn Sie das nicht interessiert und Sie sich politisch dafür nicht zu rechtfertigen haben, dann ist das eine gangbare Option. Wichtig ist, dass das Regime stabil ist, dass das Imperium stabil ist". Gehorsam sei aus Sicht der Führung wichtiger als Produktivität. Ganz wie in Nordkorea.

Katastrophe hinauszögern

Selbst die russischen Oligarchen könnten sich dem kaum entziehen. Putin verfüge über massive Druckmittel gegen reiche Eliten, die wegen der Sanktionen ihr ursprünglich ins Ausland gebrachtes Vermögen wieder nach Russland zurückgeholt hatten. Keupp formuliert das drastisch: "Wenn du dein Geld hier nicht für meine Kriegführung zur Verfügung stellst, dann bekommst du eine Tasse Tee oder du fällst aus dem Fenster – natürlich ganz unabsichtlich."

Auch der Griff in die Taschen der kleinen Bürger ist nicht ausgeschlossen. Vor ein paar Wochen kamen in Russland Gerüchte auf, dass die Zentralbank einen Teil privater Sparguthaben einfrieren könnte. Auf dem Papier wäre das Geld zwar noch da, aber in der Realität dürfte es in die Finanzierung des Krieges umgeleitet werden.

"Ökonomisch rational ist das nicht. Es verschlimmert die Lage langfristig, aber kurzfristig können sie die Katastrophe hinauszögern", erinnert Keupp. Putin müsse auf so etwas wie politische Unterstützung oder Beliebtheit unter den Bürgern keine Rücksicht nehmen. Dadurch habe der Kreml ökonomisch viel größere Möglichkeiten – auch illegale – als etwa westliche Demokratien.

Wann wird Putin den Krieg beenden?

"Es gibt nicht so viele Möglichkeiten", sagt der Fachmann zu einem möglichen Kriegsende. Seine persönliche These: "Putin wird erst aufhören, wenn das Imperium droht, innerlich auseinanderzubrechen". Denn die Russische Föderation sei eigentlich keine stabile Nation, sondern ein fragiles Vielvölker-Imperium, nicht unähnlich dem historischen Österreich-Ungarn. Rund 30 Millionen Menschen im Land seien nicht russischer Ethnie.

Sobald Geld und Gewaltmittel schwinden, könnten sich innere Spannungen verschärfen und Unabhängigkeitsbestrebungen in den Teilrepubliken aufkommen. Der Krieg könne deshalb irgendwann zur Gefahr für Putins eigenes Machtsystem werden: "Die Ukraine ist dann plötzlich nicht mehr so wichtig, wenn es um das eigene System geht".

"Unwahrscheinlich, aber denkbar"

Düsterer Nachsatz: "Es ist auch vorstellbar, dass es wirklich in der Irrationalität endet. Dass Putin alles hinopfert, bis er einfach nichts mehr hat und Russland innerlich kollabiert. Ich halte es für unwahrscheinlich, aber es ist denkbar."

Die bittere Ironie für Putin: Während Russland enorme Ressourcen verbrennt, könnte ausgerechnet die Ukraine technologisch gestärkt aus dem Krieg hervorgehen. Andere Armeen würden mittlerweile gezielt nach Kyjiw reisen, um von ukrainischen Erfahrungen mit Drohnen, Artillerie und digitaler Kriegsführung zu lernen. Es müsse der ukrainischen Regierung später nur gelingen, ihr schuldenfinanziertes Wachstum und Innovation aus dem Militär in den zivilen Sektor zu übertragen. Die USA hatten nach Ende des Zweiten Weltkriegs genau diesen Spagat erfolgreich hingelegt.

{title && {title} } red, {title && {title} } Akt. 28.05.2026, 18:39, 28.05.2026, 17:58
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