Geheimdienst-Boss schockt

Wird Putin belogen? "Kann dem nicht entkommen"

Trotz hoher Ölpreise steht Russlands Wirtschaft unter Druck, warnt Schwedens Geheimdienstchef – und spricht von manipulierten Zahlen.
Newsdesk Heute
22.04.2026, 13:59
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Russlands Wirtschaft steht offenbar deutlich schlechter da, als es offizielle Zahlen vermuten lassen, sagt Schwedens Militärgeheimdienst. Trotz sprudelnder Einnahmen aus dem Ölgeschäft sei die Lage ernst – und womöglich noch dramatischer, als selbst Moskau zugibt.

Thomas Nilsson, Chef des schwedischen Militär- und Sicherheitsdienstes, findet in einem seltenen Interview mit der "Financial Times" klare Worte. Die Zusatzgewinne durch den Iran-Krieg und die weltweite Ölkrise sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein – das weiß auch Kreml-Kriegstreiber Wladimir Putin. Damit Russland sein Budgetdefizit ausgleichen kann, müsste der Preis für das wichtige Urals-Öl ein Jahr lang über 100 Dollar pro Barrel liegen – und noch deutlich länger, um strukturelle Probleme zu lösen.

Denn Russlands Schieflage sei systemisch, das derzeitige Modell nicht tragfähig, sagt Nilsson. Die russische Wirtschaft entwickelt sich schlechter als erwartet. Selbst der Rüstungssektor, lange Zeit Wachstumsmotor, gerät ins Wanken: "Es ist kein nachhaltiges Wachstumsmodell, Material für den Krieg zu produzieren, das dann auf dem Schlachtfeld zerstört wird."

Laut den Schweden ist der militärisch-industrielle Komplex außerhalb der Drohnenindustrie vielfach defizitär, von Korruption durchzogen und stark von staatlichen Krediten abhängig. Gelder würden gezielt in neue Kriegsbereiche wie Drohnen und Langstreckenwaffen umgeleitet.

Thomas Nilsson ist Chef des schwedischen Militär- und Sicherheitsdienstes.
IMAGO/TT

Gleichzeitig steht der zivile Sektor massiv unter Druck. Offizielle Zahlen aus Moskau zeichnen bereits ein düsteres Bild. Putin selbst räumte ein, dass das Bruttoinlandsprodukt zu Jahresbeginn um 1,8 Prozent geschrumpft ist – betroffen sind auch Schlüsselbranchen wie Industrie und Bau.

Inflation drei Mal höher?

Die russische Notenbank schlägt schon längst Alarm. "Die externen Bedingungen verschlechtern sich jetzt fast konstant – sowohl für Exporte als auch für Importe", so Zentralbankchefin Elvira Nabiullina. Die internationalen Sanktionen belasten selbst ihren Einschätzungen nach die russische Wirtschaft massiv.

Doch laut schwedischen Erkenntnissen ist die Lage noch viel schlimmer. Nilsson ist überzeugt, dass Russland seine offiziellen Daten systematisch manipuliert, um Stärke vorzutäuschen. Ziel sei es, westliche Verbündete der Ukraine in die Irre zu führen. Auch die Inflation dürfte deutlich höher sein als offiziell angegeben. Statt rund sechs Prozent sieht man sie eher nahe dem Leitzins von 15 Prozent.

Zusätzlich werde das Budgetdefizit um rund 30 Milliarden Dollar geschönt. Das sieht auch der deutsche Bundesnachrichtendienst so. Erste Hinweise auf eine mögliche Bankenkrise gebe es ebenfalls.

Wie viel weiß Putin?

Ein besonders brisanter Punkt: Laut Nilsson könnte selbst Putin nicht das volle Ausmaß der Probleme kennen. "Wenn man ein System geschaffen hat wie Putin, weiß er womöglich nicht, wie schlecht die wirtschaftliche Lage wirklich ist." Doch selbst mit geschönten Zahlen lasse sich die Realität nicht dauerhaft verdrängen: "Am Ende kann man dem nicht entkommen."

International sehen viele Experten die Lage weniger dramatisch. Prognosen gehen davon aus, dass sich die Inflation bis Jahresende bei etwa fünf Prozent einpendeln könnte. Schweden widerspricht klar: Russland lebe "auf geborgter Zeit". Die Zukunft sei düster: "Die russische Wirtschaft kann nur in eines von zwei Szenarien gehen: langfristiger Niedergang oder ein Schock. In beiden Fällen geht es weiter bergab in Richtung eines finanziellen Desasters."

"Politisches Theater"

Politisch zieht Schweden klare Konsequenzen. Europa müsse endlich entschlossener handeln. Außenministerin Maria Malmer Stenergard fordert mehr Druck auf Moskau: "Europa tut noch nicht alles, um der russischen Wirtschaft zu schaden. Und ich denke, wir müssen bereit sein, einen Preis zu zahlen. Für uns selbst." Besonders frustrierend sei, dass nicht alle EU-Staaten – Ungarn und Slowakei sind Paradebeispiele – ihre Energiepolitik angepasst hätten.

Auch militärisch bleibt die Lage angespannt. Nilsson sieht keine Änderung in Putins Zielen. Russland wolle weiterhin die Kontrolle über die Ukraine sichern. Friedensverhandlungen unter Führung der USA bezeichnet er als "politisches Theater", das lediglich als Deckmantel für territoriale Ambitionen diene.

Diese könnten weit über den Donbas hinausgehen. Moskau zielt womöglich auch auf die Schwarzmeerküste und die wichtige Hafenstadt Odessa ab, sogar die Hauptstadt Kyjiw könnte noch Begierde im Kreml wecken.

Trotz allem bleibt die schwache Wirtschaft ein entscheidender Faktor. Sie könnte Russlands Kriegsfähigkeit langfristig begrenzen. Nilsson bringt es auf den Punkt: "Auch wenn die ernsten Probleme die strategischen Ziele nicht ändern, beeinflussen sie, wie weit diese verfolgt werden können – und wie stark und modern das Militär ist."

{title && {title} } red, {title && {title} } 22.04.2026, 13:59
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