In einem gemeinsamen Gastkommentar in der "Washington Post" zeigen Frederick Kagan und seine Ehefrau Kimberly Kagan auf, dass die russische Armee nur äußerst langsam vorankommt, gleichzeitig aber "exorbitante Verluste an Menschenleben und Geldmittel" erleidet.
Alleine auf russischer Seite sind ihnen zufolge mehr als eine Million Männer getötet oder verwundet worden. Die unabhängige Zählung von Mediazona konnte aktuell mindestens 201.000 Gefallene namentlich bestätigen.
Trotz der Terror-Kampagne gegen die frierende Bevölkerung sei die Lage an der Front auch im Winter stabil geblieben. "Die Behauptungen des Kremls, dass russische Truppen kurz davor stehen, die befestigten Städte im Gebiet Donezk – oder irgendeine andere Region der Ukraine – zu durchbrechen und zu überrennen, sind reine Prahlerei", schreiben sie mit Verweis auf Daten die dem Institute for the Study of War (ISW) vorliegen. Die meisten der jüngsten Eroberungen der Kreml-Truppen seien zudem leere Felder und winzige Dörfer gewesen, nicht große Städte oder befestigte Stellungen.
Frederick Kagan (*1970) ist Direktor des Critical Threats Project am konservativen American Enterprise Institute. Kimberly Kagan (*1972) ist Gründerin und Präsidentin des Institute for the Study of War.
Auch ukrainische Offiziere würden sich im persönlichen Gespräch sogar zunehmend zuversichtlich zeigen, dass sie die Russen mit ihrer immer tödlicher werdenden "Drohnen-Mauer" weiterhin zurückhalten können – zumindest so lange die westliche Hilfe nicht verebbt.
Gleichzeitig habe die Ukraine eine "bemerkenswerte Kampagne" mit Langstreckenangriffen durch Drohnen und teils im eigenen Land produzierten Marschflugkörpern gestartet. "Sie beginnt damit, Mittelstreckenwaffen einzusetzen, um die Offensive Russlands zu stören, bevor diese die Kontaktlinie erreicht. Und sie konnte sogar die Überdehnung und Fehltritte Russlands ausnutzen, um Gebiete zurückzuerobern." Letzteres sei den Verteidigern in den vergangenen Wochen sogar öfter gelungen als in den Jahren davor.
„Der angeblich unaufhaltsame Siegeszug von Präsident Wladimir Putin verläuft langsamer als im Schneckentempo.“Frederick und Kimberly KaganGastkommentar in der "Washington Post"
Derzeit besetzen russische Streitkräfte 19,4 Prozent des ukrainischen Territoriums – immer noch deutlich weniger (26,8 %) als in den ersten Tagen nach ihrer Invasion und 1,5 Prozent mehr seit der ukrainischen Gegenoffensive im November 2022.
"Lassen Sie das auf sich wirken: Russland hat dreieinhalb Jahre gebraucht, um 9.318 Quadratkilometer zu erobern". Das ist etwa halb so groß wie Niederösterreich. "Der angeblich unaufhaltsame Siegeszug von Präsident Wladimir Putin verläuft, wie andere bereits bemerkt haben, langsamer als im Schneckentempo."
Ausgehend von der derzeitigen Vorstoßgeschwindigkeit bräuchte die russische Armee aktuellen Schätzungen zufolge noch zwei bis drei Jahre, bis sie die Region Donezk komplett eingenommen hat – das aber nur, wenn sie das Tempo halten kann. Danach sieht es aber nicht aus: "Tatsächlich hat die Ukraine mehr Land zurückerobert, als die russischen Streitkräfte in den letzten beiden Februar-Wochen besetzt haben."
„Die Verhandlungsposition Russlands basiert auf einem Bluff und einer Lüge.“Frederick und Kimberly KaganGastkommentar in der "Washington Post"
Dem Donbass-Ziel steht außerdem noch der ganze Festungsgürtel aus den Städten Slowjansk, Kramatorsk und Kostjantyniwka im Weg. Ein Grund mehr, warum der Kreml diese auf dem Verhandlungstisch fordert. Putin beansprucht aber noch zahlreiche weitere Regionen, wohin seine Armee weiterhin nicht einmal vorrücken konnte, für sich.
Nach eigenen Reisen in die Ukraine seien sie deshalb zu dem Schluss gekommen, dass Russlands unerbittlicher Vormarsch weit weniger beeindruckend und bedeutend sei als die unerbittliche Verteidigung der Ukrainer.
"Die Verhandlungsposition Russlands basiert auf einem Bluff und einer Lüge. Der Bluff besteht darin, dass die Russen die Ukraine überwältigen und sich ohnehin nehmen werden, was sie wollen. Die Lüge besteht darin, dass sie sich mit weniger zufriedengeben werden, als sie ständig fordern", warnen Frederick und Kimberly Kagan.
Sie üben auch scharfe Kritik am Vorgehen von US-Präsident Donald Trump und damit indirekt auch an verschiedensten europäischen Parteien, die Putin näherstehen als seinen Opfern: "Der Druck der USA auf die Ukraine, territoriale Zugeständnisse zu machen und um Frieden zu bitten, ermutigt Putin, weiterzukämpfen und keine Kompromisse einzugehen, die für einen dauerhaften Frieden notwendig sind. Der Druck auf Kyjiw ist kein Akt der Gnade, um unnötige Opfer in einer hoffnungslosen Verteidigung zu vermeiden. Im Gegenteil. [...] Der Weg, diesen Krieg zu beenden, besteht nicht darin, Putin aus einer scheiternden Kampagne zu retten, sondern der Ukraine zu helfen, Russland schneller zum Scheitern zu bringen."