Schockbilder auf Zigarettenpackungen, Rauchverbote in Lokalen, Warnungen von Ärzten und immer höhere Preise sollten die Zigarette eigentlich zum Auslaufmodell machen. Bei uns in Österreich ist das Resultat eher bescheiden.
Während die Zahl der klassischen Raucher in vielen Ländern langsam sinkt, erleben andere Nikotinprodukte einen regelrechten Boom. E-Zigaretten, Vapes und vor allem Nikotinbeutel sind auf Schulhöfen, in Parks und in sozialen Medien allgegenwärtig. Experten warnen inzwischen vor einer neuen Generation von Nikotinabhängigen.
Lange galt unser Land als eines der rauchfreundlichsten Länder Europas. Internationale Medien bezeichneten Österreich sogar als "Aschenbecher Europas". Noch heute rauchen hier vergleichsweise viele Menschen, und gerade bei Jugendlichen liegen die Zahlen teilweise über dem europäischen Durchschnitt.
Nach deutschen Erhebungen rauchten zuletzt rund 24 Prozent der EU-Bevölkerung über 15 Jahre. Zwar ist das ein Rückgang gegenüber früheren Jahren, dennoch konsumiert damit fast jeder vierte Erwachsene regelmäßig Tabak.
Österreich liegt seit Jahren im oberen Bereich europäischer Vergleichsstudien. Besonders auffällig ist dabei die gesellschaftliche Akzeptanz des Rauchens. Während in manchen Ländern Raucher zur Ausnahme geworden sind, gehört die Zigarette in Österreich vielerorts noch immer zum Alltag.
Die LEAD-Studie des Wiener Gesundheitsverbundes zeigt, dass besonders bei jungen Österreicherinnen und Österreichern der klassische Zigarettenkonsum, sowie der Konsum neuerer Nikotinprodukte wie Vapes und Nikotinbeutel zunimmt. Weiters ergab die Studie, dass immer mehr Frauen als Männer regelmäßig Nikotin in jeglicher Form konsumieren.
Das Bild des typischen Rauchers gibt es längst nicht mehr. Geraucht wird von Lehrlingen ebenso wie von Akademikern, von Jugendlichen ebenso wie von Pensionisten.
Allerdings zeigen Studien immer wieder, dass Menschen besonders häufig im Jugendalter mit Nikotin in Kontakt kommen. Wer vor dem 18. Lebensjahr zu rauchen beginnt, entwickelt deutlich häufiger eine langfristige Abhängigkeit. Genau das macht Experten Sorgen. Denn viele Jugendliche greifen heute gar nicht mehr zuerst zur Zigarette. Sie greifen zu etwas anderem.
Sie sind klein, meist weiß, oft fruchtig oder minzig im Geschmack und verschwinden unauffällig unter der Oberlippe - Nikotinbeutel.
Die tabakfreien Beutel gelten als einer der am schnellsten wachsenden Nikotinmärkte weltweit. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt inzwischen ausdrücklich davor, dass die Produkte aggressiv beworben werden und besonders Jugendliche ansprechen.
Viele der Produkte enthalten hohe Nikotindosen. Manche Varianten liefern sogar mehr Nikotin als eine Zigarette. Besonders problematisch: Man riecht sie nicht. Man sieht sie kaum. Und sie können praktisch überall konsumiert werden – selbst dort, wo Rauchen verboten ist.
Internationale Studien zeigen bereits einen starken Anstieg der Nutzung unter Jugendlichen. In einigen Ländern berichten bereits mehr als zehn Prozent der Jugendlichen von Erfahrungen mit Nikotinbeuteln.
Diese Frage beschäftigt Politiker, Lehrer und Eltern gleichermaßen. Experten nennen mehrere Gründe.
Erstens: soziale Medien.
Influencer präsentieren Nikotinprodukte oft als Lifestyle-Accessoire. Die Produkte wirken modern, technisch und "cool".
Zweitens: Gruppendruck.
Wer im Freundeskreis konsumiert, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass andere ebenfalls damit beginnen.
Drittens: leichte Verfügbarkeit.
Trotz Altersgrenzen gelangen viele Minderjährige über ältere Freunde, Online-Bestellungen oder mangelhafte Kontrollen an Nikotinprodukte.
Viertens: Verharmlosung.
Viele Jugendliche glauben, Nikotinbeutel oder Vapes seien praktisch ungefährlich. Dem ist jedoch nicht so.
Nikotin gehört zu den am stärksten abhängig machenden Substanzen überhaupt. Schon wenige Sekunden nach dem Konsum erreicht der Stoff das Gehirn. Dort aktiviert er das Belohnungssystem. Das Gehirn schüttet Dopamin aus – einen Botenstoff, der mit Wohlbefinden und Motivation verbunden ist. Der Konsument fühlt sich kurzfristig entspannter, konzentrierter oder leistungsfähiger.
Doch dieser Effekt hat seinen Preis. Das Gehirn gewöhnt sich an die künstliche Stimulation. Mit der Zeit verlangt es immer häufiger nach neuem Nikotin. So entsteht die Abhängigkeit.
Das kann bei einem Nikotinbeutel im Mund schneller passieren als einem lieb ist. Sobald der Nikotinbeutel im Magen landet wird dort Nikotin freigesetzt. Anders als im Mund lässt er sich dort nicht einfach so rausnehmen, wenns zu viel wird. In weiterer Folge kann es zu einer Nikotinvergiftung kommen. Diese äußert sich dann durch Herzraßen, Schwindel, vermehrtes Schwitzen, Übelkeit, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und in weiterer Folge Erbrechen.
Nikotinbeutel können insbesondere für kleine Kinder sehr gefährlich sein, weil ihr Körpergewicht niedrig ist und viele Produkte hohe Nikotinkonzentrationen enthalten. Gesundheitsbehörden warnen daher, Nikotinprodukte immer außerhalb der Reichweite von Kindern aufzubewahren.
Das Gehirn entwickelt sich bis weit in die Zwanzigerjahre hinein. Nikotin kann diese Entwicklung beeinflussen. Gesundheitsexperten warnen deshalb seit Jahren davor, dass Jugendliche schneller abhängig werden als Erwachsene. Außerdem zeigen Untersuchungen, dass frühe Nikotinerfahrungen das Risiko erhöhen können, langfristig süchtig zu bleiben.
Die gesundheitlichen Folgen des Rauchens gehören zu den am besten erforschten Risiken der Medizin. Jedes Jahr sterben weltweit mehr als sieben Millionen Menschen an den Folgen des Tabakkonsums. Zu den wichtigsten Erkrankungen zählen: verschiedene Krebsarten wie Lungenkrebs, Kehlkopfkrebs, Mundhöhlenkrebs, Speiseröhrenkrebs, Herzkreislauferkrankungen wie Schlaganfall und Herzinfarkt, Lugenerkrankungen wie COPD und chronische Bronchitis oder schlicht Durchblutungsstörungen.
Auch Passivrauchen stellt ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar. Nichtraucher können durch die Rauchbelastung ebenfalls schwer an eben genannten Krankheiten erkranken.
Heute gilt in Österreich grundsätzlich ein Mindestalter von 18 Jahren für den Erwerb von Tabak- und Nikotinprodukten. Kontrollen sollen verhindern, dass Minderjährige an diese Produkte gelangen. Zusätzlich setzen Schulen, Gesundheitsorganisationen und öffentliche Kampagnen auf Prävention und Aufklärung.
Experten sind sich allerdings einig: Verbote allein reichen nicht. Entscheidend ist, Jugendliche möglichst früh über die Risiken aufzuklären.
Je nach Statistik unterscheiden sich die Ergebnisse. Bei den höchsten Raucherquoten weltweit finden sich regelmäßig Länder wie Nauru, Kiribati, Myanmar oder Chile. Innerhalb Europas zählen Bulgarien, Griechenland und Kroatien zu den Ländern mit den höchsten Raucheranteilen. Schweden gilt dagegen als Vorreiter im Kampf gegen das Rauchen und weist die niedrigsten Raucherquoten Europas auf.
Die Vorteile des Aufhörens sind erstaunlich schnell spürbar. Bereits 20 Minuten nach der letzten Zigarette sinken Herzfrequenz und Blutdruck. Nach wenigen Wochen verbessern sich Kreislauf und Lungenfunktion.
Nach einem Jahr ist das Risiko für Herzkrankheiten etwa halb so hoch wie bei einem weiter rauchenden Menschen. Nach zehn Jahren sinkt das Risiko für Lungenkrebs deutlich. Nach fünfzehn Jahren nähert sich das Herz-Kreislauf-Risiko jenem eines Nichtrauchers an.
Ärzte empfehlen mehrere Strategien:
• Ein konkretes Rauchstopp-Datum festlegen
• Auslöser erkennen und vermeiden
• Freunde und Familie einbeziehen
• Professionelle Beratung nutzen
• Nikotinersatzprodukte verwenden
• Rückschläge nicht als Scheitern betrachten
Viele ehemalige Raucher benötigen mehrere Anläufe. Doch jeder Versuch erhöht die Chance auf einen dauerhaften Erfolg.
Die Zigarette mag ihren Höhepunkt überschritten haben. Nikotin ist deshalb aber keineswegs verschwunden. Im Gegenteil. Während klassische Zigaretten langsam an Bedeutung verlieren, drängen neue Produkte auf den Markt. Besonders Jugendliche geraten dadurch erneut ins Visier der Nikotinindustrie.
Die größte Herausforderung der kommenden Jahre wird daher nicht nur sein, Menschen vom Rauchen abzuhalten. Sondern auch zu verhindern, dass eine neue Generation über Vapes und Nikotinbeutel in dieselbe Abhängigkeit gerät.