Am 25. Juni 1982 hat Österreich bei der WM in Spanien gegen Deutschland mit 0:1 verloren. Trotzdem sind beide Mannschaften auf Kosten von Algerien weitergekommen. Das Spiel ging als "Schande von Gijon" in die Fußball-Geschichte ein und wurde vor allem von Algerien nicht vergessen.
Dass es nun zum großen WM-Showdown zwischen Österreich und Algerien (Sonntag, 4 Uhr) kommt, es das allerletzte Gruppenspiel ist und ein Remis beiden Teams für das Sechzehntelfinale reichen würde? Ein Treppenwitz der Fußball-Geschichte.
In Österreich wird hitzig über die möglichen Konstellationen diskutiert. Denn: Für zusätzliche Brisanz sorgt, dass das ÖFB-Team derzeit auf Rang zwei liegt und damit K.o.-Gegner Spanien droht. Algerien hätte, Stand jetzt, als einer der besten Gruppendritten eine leichtere Aufgabe. Will man also überhaupt gewinnen? In Algerien dürfte sich diese Frage nicht stellen.
"Ich rate ihnen, sich gegen Österreich zu revanchieren. Sie haben sich damals mit Deutschland verschworen. Man muss dieses Spiel mit dem Geist der Revanche angehen und gewinnen", sagte Lakhdar Belloumi schon vor Tagen dem TV-Sender "El Heddaf".
Belloumi war 1982 Torschütze bei der algerischen Mannschaft, die Deutschland überraschend mit 2:1 besiegt hat, dann aber trotzdem ausgeschieden ist.
Sein Teamkollege Rabah Madjer, bekannt für sein Ferslertor für den FC Porto im Meistercup-Finale 1987 in Wien gegen Bayern München (2:1), erinnert sich: "Auch wenn wir es irgendwie erwartet hatten, waren wir alle verärgert, empört und fassungslos."
Viele hätten sich später entschuldigt. "Es ist gut, wenn man den Schaden, den man angerichtet hat, eingesteht, aber für uns hat es nichts verändert."
Das französische Sportportal RMC Sport spricht schon von einem "Spiel der Schande 2.0" und schreibt: "Warum das Spiel Algerien gegen Österreich zu einer Farce des Fußballs werden könnte."
Die Rechnung ist einfach: Spielen die beiden Teams in Kansas City unentschieden, stehen beide im Sechzehntelfinale. In der algerischen Online-Tageszeitung "Tout sur l'Algerie" kommen solche Spekulationen gar nicht gut an. Ein Kolumnist meint, dieses Szenario sei "undenkbar".
"Auch wenn Österreich 1982 in das 'Spiel der Schande' verwickelt war, hat Algerien in seiner gesamten Geschichte niemals auf solche Praktiken zurückgegriffen", heißt es dort.
Die "Grünen" wollen jedes WM-Spiel gewinnen. "Wenn man an einer Weltmeisterschaft teilnimmt, sucht man sich seine Gegner nicht aus und versucht nicht, die Stärksten zu meiden."
Auch die Zeitung "El Watan" erinnert an 1982. "Die schmutzige Absprache sprang ins Auge, war auf dem Spielfeld deutlich zu erkennen und führte schließlich zur gemeinsamen Qualifikation der beiden Cousins auf Kosten unseres Landes."
Die Zuschauer im Stadion El Molinon hätten damals lautstark gepfiffen, mit Geldscheinen gewunken und während des ganzen Spiels "Algerien, Algerien" gerufen. "Selbst die Fernsehkommentatoren der beiden betroffenen Länder drückten live ihre Scham aus", schreibt die Zeitung.
Der damalige ORF-Kommentator Robert Seeger hat die Zuschauer sogar aufgefordert, die Fernseher abzuschalten. Der deutsche Kollege Eberhard Stanjek wollte in der ARD das Spiel nicht weiter kommentieren.
Ob die Spieler, die jetzt in Kansas City aufeinandertreffen, sich mit Gijon beschäftigt haben, bezweifelt "El Watan" allerdings: "Sie haben vielleicht schon von diesem abgesprochenen Spiel gehört. Geboren waren sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht."