Panikattacke im Polizei-Kessel der Rapid-Fans

Die Kritik am Polizei-Einsatz beim Derby wird lauter: Die ÖH berichtet von einer Panikattacke und angefertigten Porträtfotos von jedem Fan.

Knapp 1.500 Rapid-Fans wurden am Weg zum Wiener Fußball-Derby Austria gegen Rapid von der Polizei gestoppt und bis zu sieben Stunden lang festhalten.

Die Polizei begründet den Einsatz, dass von Rapid-Fans pyrotechnische Gegenstände, Flaschen, Dosen und Schneebälle auf die Fahrbahn der Südosttangente geworfen wurden.

Durch diese Vorgehensweise sei der strafrechtliche Tatbestand der Gemeingefährdung erfullt, da eine Gefahr fur das Leben oder das Eigentum einer größeren Zahl von Menschen herbeigefuhrt wurde. Deshalb wurden 1.338 Fans im Bereich des Tatorts von der Polizei angehalten und Identitätsfeststellungen unterzogen.

Die Kritik am Vorgehen der Polizei nimmt am Tag nach dem Derby zu. Neben persönlichen Berichten in den sozialen Medien, Rapid-Boss Michael Krammer meldet sich jetzt auch die ÖH Wien (Österreichische Hochschülerschaft) zu Wort und verurteilt das Vorgehen.

"Gefährdung der Gesundheit durch Polizei"

"Als ÖH an der Universität Wien kritisieren wir diesen stundenlangen Freiheitsentzug aufs Schärfste. Unter den Angehaltenen waren auch kleine Kinder, die ebenfalls bei Minusgraden über Stunden festgehalten wurden. Auch Schwangere durften den Kessel, in dem es keine Sitzmöglichkeiten gab, lange nicht verlassen. Die Polizei hat hier eine Gefährdung der Gesundheit der Fans in Kauf genommen, das ist untragbar!", so Sandra Velebit (VSStÖ) vom Vorsitzteam der ÖH Uni Wien.

Die ÖH kritisiert das Vorgehen und berichtet von neuen Details des Einsatzes. Die Rapid-Fans wurden auf einem schmalen Pfad direkt über der Autobahn A23 eingekesselt. Der Bereich war lediglich durch einen niedrigen Zaun gesichert.

Laut ÖH wäre es nur durch das besonnene Verhalten der Fans nicht zu einer Massenpanik gekommen, die zum Absturz von Personen hätte führen können. Die Polizei hätte die Situation zu keiner Zeit unter Kontrolle gehabt und setzte keinerlei Maßnahmen, die große Zahl an Fans aus dem Gefahrenbereich zu bringen. Über Stunden wurden die Fußballfans weder ausreichend über die Gründe der Anhaltung informiert, noch hatten sie Zugang zu sanitären Einrichtungen oder Wasser.



Panikattacken, kollabierende Fans

Der Polizeikessel wurde teilweise mit Gittern abgeschlossen, auch Hunde kamen zum Einsatz. Laut ÖH erlitt eine Person aufgrund der bedrängten und bedrohlichen Situation eine Panikattacke.

Von Betroffenen wurde zudem berichtet, dass Personen aufgrund der langen Zeit in der Kälte kollabiert sind. Mindestens drei Personen mussten von anderen Fans aus dem Kessel getragen werden, da sie diesen nicht mehr selbstständig verlassen konnten. Dennoch durften Sanitäter des Vereins nicht in den Kessel, selbst ein Katastrophenzug der Wiener Rettung wurde von der Polizei nicht zu den Angehaltenen vorgelassen, sondern mit der falschen Information, es gäbe keine Verletzten, wieder fortgeschickt. Die Polizei dementiert das.

Porträt von jedem Rapid-Fan



Laut ÖH sei auch die Tangente bereits beim Eintreffen der Fans abgesperrt gewesen. Auch die Anwesenheit des Verfassungsschutzes weckt Befürchtungen, dass eine Anhaltung bereits im Vorfeld geplant war. "Laut der Rechtshilfe Rapid wurde in der Sicherheitsbesprechung zum Spiel gedroht, dass sie das Spiel nicht sehen werden. Die derart große Zahl der Identitätsfeststellungen ist grundrechtlich bedenklich. Von allen angehaltenen Personen wurden Portraitfotos angefertigt. Ob es dafür eine ausreichende Rechtsgrundlage gab, ist mehr als fraglich. Deswegen sollten Maßnahmenbeschwerden unbedingt geprüft werden," so Lena Köhler (GRAS) vom Vorsitzteam.



Fußballfans als Experimentierfeld?

Das ÖH-Fazit: Seit Jahrzehnten gelten Fußballfans europaweit als Experimentierfeld, auf dem Polizei und Justiz Repressionsstrategien erproben. "Wir verurteilen den gestrigen Polizeieinsatz und insbesondere die Gefährdung der Gesundheit der Angehaltenen aufs Schärfste. Unsere Solidarität gilt den Betroffenen. Dieser skandalöse Polizeieinsatz bedarf politischer wie juristischer Aufarbeitung" so Magdalena Taxenbacher (KSV-LiLi) von der ÖH Uni Wien.

Polizei geht in die Offensive

Laut Polizei wird das Derby evaluiert. Um den Einsatz für die Öffentlichkeit nachvollziehbarer zu machen und Fehlinformationen auszuschließen, wird im Laufe des Nachmittags der Einsatzverlauf mit Fotos und Videos veröffentlicht. (mh)

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