Bewunderung, Konkurrenz und der große Wunsch, irgendwann selbst ganz oben zu stehen: Was nach einem Hollywood-Drama klingt, spielte sich zwischen zwei der berühmtesten Künstler des 20. Jahrhunderts ab. Pablo Picasso (1881–1973) war für Francis Bacon (1909–1992) nicht nur Vorbild, sondern eine geradezu übermächtige Vaterfigur.
Wie sehr ihn Picasso beschäftigte, zeigt nun die große Albertina-Ausstellung "Picasso – Bacon. What It Feels Like to Be Human", die ab 18. September rund 70 Schlüsselwerke der beiden Künstler gegenüberstellt.
Ohne Picasso hätte es den Maler Francis Bacon, wie wir ihn kennen, womöglich gar nicht gegeben. Unter dem Eindruck der Arbeiten des Spaniers fasste Bacon den Entschluss, selbst Künstler zu werden.
Doch aus Bewunderung wurde bald ein künstlerischer Wettkampf. Bacon wollte sich von seinem großen Vorbild emanzipieren – und für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts das werden, was Picasso für die erste gewesen war.
"Picasso war für Bacon Vaterfigur und ein Impuls für seine Entscheidung, Maler zu werden, blieb aber zugleich eine Größe, an der er sich zeitlebens messen musste", erklärt Albertina-Generaldirektor Ralph Gleis im Gespräch mit "Heute".
Dabei ging es Bacon keineswegs darum, Picasso einfach abzuschütteln. "Abgrenzung bedeutete für ihn nicht Abkehr, sondern ein lebenslanges künstlerisches Ringen mit dem Vorbild."
Und genau dieses Duell macht die Albertina nun sichtbar. Picassos surrealistische Badende treffen auf frühe Hauptwerke Bacons, seine berühmten Papstbilder auf Picassos Porträts von Dora Maar.
"Picassos enorme stilistische Vielfalt trifft auf Bacons monumentale Bildsprache", erklärt Gleis. Beide hätten trotz aller Unterschiede ähnliche Themen umgetrieben: "Körper und Existenz, Eros und Tod, Mensch und Tier, Schein und Sein."
Zart geht es dabei selten zu. Körper werden zerlegt, verzerrt und wieder zusammengesetzt. Schmerz, Lust, Angst und Verletzlichkeit finden sich ebenso in den Bildern wie Schreie, Kreuzigungen, Stierkämpfe und Erotik.
"Die menschliche Existenz, das Menschsein in all seiner Zerrissenheit steht im Zentrum ihrer Bildwelt", so der Albertina-Chef.
Auch das Liebesleben machte vor der Kunst der beiden Männer nicht halt. Picasso verwandelte Menschen aus seinem Umfeld in teils ekstatisch deformierte Figuren. Bacon wiederum brachte männliches Begehren auf die Leinwand – und das zu einer Zeit, als dies durchaus riskant war.
Bereits in den 1950er-Jahren malte er gleichgeschlechtliche Paare. Damals war Homosexualität in Großbritannien noch strafbar.
Bacon nur als Maler von Gewalt, Angst und Schrecken zu sehen, greift deshalb zu kurz. "Ebenso wichtig sind Eros und Begehren", betont Gleis. Und auch der Künstler selbst war offenbar keineswegs ständig so düster wie seine Gemälde: Sein langjähriger Begleiter Michael Peppiatt beschreibt Bacon als "ausgesprochen unterhaltsamen Menschen".
Bleibt eine Frage, die sich nicht mehr beantworten lässt: Was hätte Picasso davon gehalten, dass sein Bewunderer irgendwann selbst zu einem der größten Maler des Jahrhunderts wurde?
Eine Vorstellung hat man in der Albertina durchaus. Picasso hätte wohl "fasziniert und gleichzeitig irritiert", wie eigenständig Bacon jene Impulse weiterentwickelte, die einst von Picassos surrealistischen Körperbildern ausgegangen waren.
Ob Bacon seinen großen Übervater am Ende tatsächlich übertroffen hat, dürfen die Besucher selbst entscheiden.
"Picasso – Bacon. What It Feels Like to Be Human" ist von 18. September 2026 bis 31. Jänner 2027 in der Albertina zu sehen. Rund 70 Werke aus internationalen Museen und Privatsammlungen von Chicago über Mexico City bis London, Paris und Stockholm kommen dafür nach Wien.