Flucht statt Hilfe

Polizistinnen ließen Kollegen bei Schießerei im Stich

Bei einer Schießerei in Gevelsberg lassen zwei Polizistinnen ihren Kollegen schwer verletzt zurück und flüchten – jetzt droht ihnen die Entlassung.
Nick Wolfinger
07.01.2026, 12:30
Loading...
Angemeldet als Hier findest du deine letzten Kommentare
Alle Kommentare
Meine Kommentare
Sortieren nach:

Kommentare neu laden
Nach oben
Hör dir den Artikel an:
00:00 / 02:45
1X
BotTalk

Es ist die Nacht auf den 6. Mai 2020, kurz vor Mitternacht. Auf der Mühlenstraße in Gevelsberg im deutschen Ruhrpott (Nordrhein-Westfalen) führen zwei Polizisten eine routinemäßige Verkehrskontrolle durch. Der kontrollierte Autofahrer wirkt auffällig, steht offenbar unter Drogeneinfluss.

Zufällig fuhr im selben Moment zwei Polizistinnen (damals 32 und 37 Jahre alt) mit einem Streifenwagen durch die Straße. Einer der Kollegen gab ihnen per Handzeichen zu verstehen, dass sie anhalten sollen. Als sie ausstiegen und sich den Kollegen näherten, eröffnete der Autofahrer plötzlich das Feuer.

21 Schüsse in 20 Sekunden

Innerhalb von 20 Sekunden fielen 21 Schüsse, wie später rekonstruiert wurde. Einer der Polizisten wurde am Oberkörper getroffen, der andere ging in Deckung. Und die beiden Kolleginnen? Sie ergriffen die Flucht.

Sie ließen ihren Streifenwagen einfach zurück und flüchteten zu Fuß in eine Seitenstraße, wo sie einen privaten PKW requirierten, um die Flucht fortzusetzen. Erst später informierten sie die Leitstelle über den Vorfall.

Kollege blutend zurückgelassen

Ihr Kollegen, den sie mit einem Bauchschuss blutend am Tatort zurückließen, überlebte nur dank seiner schusssicheren Weste – die ihn vor weiteren Treffern bewahrte.

Der Fall machte Schlagzeilen – und zog Konsequenzen nach sich. Der Vorwurf wiegt schwer: Versuchte gefährliche Körperverletzung im Amt durch Unterlassen.

Gericht verringerte Strafe für Polizistinnen

Im erstinstanzlichen Prozess vor dem Amtsgericht Schwelm werden die beiden Beamtinnen im Oktober 2022 zu je 12 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt – was automatisch den Verlust des Beamtenstatus bedeutet hätte. Doch sie gingen in Berufung. Sie begründeten ihr Verhalten mit "Todesangst". Sie hätten überhaupt nicht abschätzen können, um wie viele Täter es sich handelte und aus welchen Richtungen wirklich geschossen wurde.

„Vom Schreibtisch aus sieht das zweifellos unglücklich aus. Aber wenn sie sich in stockfinsterer Nacht plötzlich im Kugelhagel befinden, nicht wissen, von wo die Schüsse kommen, mit wem und wie vielen sie es zu tun haben, sieht die Sache anders aus“
Anwalt Eckhard WölkerIm erstinstanzlichen Prozess 2022

Seine Mandantin sei völlig unvorbereitet in Lebensgefahr geraten, ohne Möglichkeit, Deckung zu suchen, argumentierte Anwalt Wölker. Nun, im Berufungsprozess, wurde die Strafe tatsächlich reduziert. Statt zwölf Monaten beträgt die Strafe nun nur noch jeweils vier Monate auf Bewährung. Ein automatischer Jobverlust erfolgt damit nicht.

Disziplinarklage fordert Entlassung

Trotzdem reicht die Kreispolizeibehörde Ennepe-Ruhr eine Disziplinarklage ein. Ziel: Entlassung aus dem Polizeidienst. Das Verwaltungsgericht Münster muss demnächst entscheiden, ob die Beamtinnen dauerhaft ihren Job verlieren.

{title && {title} } NW, {title && {title} } Akt. 07.01.2026, 12:59, 07.01.2026, 12:30
Jetzt E-Paper lesen