Sport

Psycho-Spielchen vor dem F1-Showdown

Heute Redaktion
14.09.2021, 15:35

Vor den letzten zwei Rennen liegen die Nerven bei Fahrern und Teamchefs blank. Jetzt wird der WM-Kampf auch zur Kopfsache. Vor allem, da der brasilianische Staatsanwalt droht, bei Teamorder Fahrer ins Gefängnis zu stecken. Beim ersten Training am Freitag dominierten die Red Bulls.

Am Sonntag (17 Uhr) findet in Interlagos der vorletzte Grand Prix des Jahres statt. Fernando Alonso (231 Punkte) könnte sich bereits bei diesem Rennen vorzeitig den WM-Titel sichern. Heißester Rivale ist Mark Webber, der derzeit elf Punkte hinter dem Spanier zurückliegt. Außenseiterchancen haben noch Lewis Hamilton (210), Sebastian Vettel (206) und Jenson Button (189).

Für Red Bull ist die Lage besonders brisant. Eigentlich dominierten Webber und Vettel mit dem wohl schnellsten Auto der Formel-1-Geschichte die Konkurrenz nach Belieben. Durch Defekte und Fehler brachte man sich aber selbst um die Früchte der Arbeit.

Teamchefs hacken aufeinander ein

Ferrari-Teamchef Stefano Domenicalli kommentiert das auf zynische Art: "Wenn man bedenkt, dass Red Bull ein so großartiges Auto entworfen hat, dann ist es in meinen Augen schon ein Wunder, dass wir überhaupt um den Titel kämpfen. Hätten wir ein solches Fahrzeug, wäre die WM bereits entschieden."

Diese Aussagen kann Christian Horner nicht auf sich sitzen lassen. Der Red-Bull-Teamchef erklärte gegenüber der BBC, dass es "frustrierend wäre", wenn Ferrari aufgrund der Ereignisse von Hockenheim die WM gewinnen würde, "denn Teamorder ist illegal". Zur Erinnerung, damals ließ Felipe Massa auf Anordnung des Teams Alonso überholen, was dem Spanier sieben zusätzliche Punkte für den Sieg bescherte.

Gefängnisstrafe bei Stallorder?

Dabei ist Teamorder an diesem Wochenende in aller Munde. Vor allem da der brasilianische Staatsanwalt Paulo Castilho droht, Piloten zu verklagen, die ihren Teamkollegen überholen lassen. Denn Sportbetrug wird in Brasilien mit bis zu sechs Jahren Haft bestraft.

Was passiert nun, wenn der Teamkollege im Rennen vor Alonso bzw. Webber liegt? Die Antworten fallen vorsichtig aus. "Wenn es von mir abhängen sollte, dann werde ich natürlich helfen. Ich bin Profi, habe auch 2007 schon einmal geholfen", erinnert sich Massa vor seinem Heimrennen an das Jahr, in dem Kimi Räikkönen sensationell in Brasilien den WM-Titel fixierte.

Wird Webber nun bevorzugt?

Ex-F1-Fahrer Karl Wendlinger kann sich gegenüber ServusTV "nur schwer vorstellen, dass man bei Red Bull gänzlich auf Teamorder verzichtet". Richtig zugeben will Horner dies aber nicht: "Es gibt einen Punkt, an dem die Mathematik diktiert. Wenn einer von beiden realistisch gesehen keine Chance mehr hat, dann werden sie natürlich versuchen, das Teamergebnis zu optimieren, denn beide sind Teamplayer".

Ginge es nach Niki Lauda, wäre Webber bereits die klare Nummer eins: "Vettel kann man abschreiben. Er hat keine Chance mehr, wie soll das funktionieren? Red Bull muss alles auf die Karte Webber setzen, muss den Webber von früh bis Abend streicheln." Red-Bull-Motorsportkonsulent Dr. Helmut Marko versichert aber:  "Wir werden genau kalkulieren, wer wo und wann ins Ziel kommen muss."

Webber stichelt gegen Vettel

Webber geht ohnehin davon aus, dass Red Bull zu seinen Gunsten handeln würde. Das glaubt auch Wendlinger: "Er weiß, dass er punktemäßig besser platziert ist und dass das Team sicher einen Weltmeister stellen will." Der Tiroler gibt aber auch zu Bedenken: "Wann verwendet man Teamorder? Doch nur, wenn die Autos eng beisammen sind. Wenn das der Fall ist, dann bedarf es einer schnellen Entscheidung von der Boxenmauer."

Trotzdem stichelt Webber via Autosprint gegen Vettel: "Wenn ich zehn Jahre jünger wäre und die gleichen Resultate hätte, dann würdet ihr doch alle glauben, ich wäre der nächste Superstar. Vettel ist jung, das ist der einzige Unterschied. Ich erkenne nicht, dass er in irgendeiner Art anders arbeitet als sagen wir mal Heikki Kovalainen bei Lotus."

Vettel glaubt noch an die WM, Alonso bleibt cool

Vettel lässt die Kritik kalt, er glaubt nach wie vor an die WM-Chance. "Es ist noch nicht vorbei und ich werde nicht aufgeben. Es sind noch 50 Punkte zu vergeben - und wenn wir in diesem Jahr eines gelernt haben, dann dass sich das Blatt schnell wenden kann. Wir werden angreifen und die Strecke sollte uns liegen", so Deutsche, der den Druck eher bei Alonso sieht.

Doch der Spanier, der von den brasilianischen Fans wegen der Aktion in Hockenheim gehasst wird, gibt sich gewohnt cool: "In vielen Ländern heißt es, mein Image sei schlecht. Aber wenn ich dann dort am Flughafen lande und ins Hotel oder an die Rennstrecke gehe, dann erlebe ich meist das Gegenteil. Es gibt immer wieder von Seiten der Medien Bemühungen, dich nervös zu machen oder unter Druck zu setzen." Das Rennen verspricht jedenfalls unterhaltsam zu werden, denn es wird Regen prognostiziert.

Beim ersten Training am Freitag ging es bereits hitzig zu: Vettel war in 1:12,328 Minuten fast eine halbe Sekunde vor seinem Teamkollegen Webber der Schnellste. Dahinter folgten die McLaren-Piloten Hamilton und Button. WM-Leader Alonso blieb kurz vor Ende des Trainings mit einem Defekt an seinem Ferrari liegen. Christian Klien, der in Brasilien sein zweites Saisonrennen für HRT bestreitet, blieb als Vorletzter mehr als eine halbe Sekunde vor seinem brasilianischen Teamkollegen Bruno Senna.

Markus Miksch

"Heute" auf Google als bevorzugte Quelle festlegen