"Das Österreichisch geht schon wieder", grinst Andreas Weimann. Nach 19 Jahren und rund 600 Spielen in England greift der Routinier seit Februar bei seinem Jugendklub Rapid an. "Es ist cool, zum Verein zu gehen, bei dem man als Kind war." "Heute" bat den Routinier zum Interview.
Es liegen turbulente Wochen hinter Ihnen. Wie groß war die Last, die am Sonntag nach dem Sieg gegen Salzburg abgefallen ist?
"Enorm. Denn der Druck war zuletzt schon riesengroß. Man hat gemerkt, dass wir unbedingt in die Meistergruppe wollen – denn dort gehören wir auch hin. Jetzt schauen wir, wie es weitergeht."
Ist die Stimmung im Training und in der Kabine jetzt anders?
"Eigentlich war sie ohnehin immer gut, nur im Match hat uns oft das Selbstvertrauen gefehlt. Die letzten zwei Wochen hat es aber schon besser gepasst, wir sind drei Spiele ungeschlagen. Siege helfen immer. Der gegen Salzburg vielleicht noch mehr, weil wir 'anders' gewonnen haben. Wir haben viel verteidigt, viel gekämpft, haben den Sieg errungen. Das braucht man auch manchmal im Fußball."
Wie beurteilen Sie die österreichische Liga? Haben Sie sich das Niveau und die Leistungsdichte so vorgestellt?
"Die Tabelle kannte ich natürlich vor meinem Wechsel, das Niveau überrascht mich auch nicht. Was mir auffällt: In Österreich ist ein bisschen mehr Zeit, es gibt viele Unterbrechungen, auch wegen des VAR. Das hat man in der Championship nicht. Deshalb ist es für mich leichter, mehr Minuten zu spielen. In der Championship geht es doch immer hin und her."
Rapid hat es ins Meister-Play-off geschafft, plötzlich seid ihr nur drei Punkte hinter dem Ersten. Was ist jetzt möglich?
"Bei Rapid geht es bekanntlich schnell, da wird alles extrem schlecht oder extrem gut geredet. Das ist in England allerdings nicht viel anders. Wir konzentrieren uns jetzt einfach darauf, jeden Tag hart zu arbeiten. Es bringt nichts, zu sehr in die Zukunft zu schauen. Vor zwei Wochen waren wir angeblich am Boden, jetzt höre ich wieder, dass wir Meister werden können. Es geht so schnell."
Spielerisch ist noch viel Luft nach oben. Warum fällt es Rapid schwer, ein Offensiv-Feuerwerk abzufackeln?
"Ich denke, das war der sportlichen Situation geschuldet. Am Sonntag ging es nur darum, irgendwie zu gewinnen und in die Top-Sechs zu kommen. Wie wir das machen, war komplett egal. Ich hoffe, dass wir jetzt darauf aufbauen können. Wenn wir weiter so verteidigen, aber auch das Spielerische reinbringen, schaut es gut aus."
Am Sonntag trifft Rapid erneut auf Salzburg. Erwarten Sie ein ähnliches Spiel wie in Wien – oder sind die Vorzeichen jetzt anders?
"Ich hoffe, dass wir mehr vom Ball haben und mehr Druck auf sie ausüben können. Vielleicht können wir jetzt mit mehr Freiheit spielen. Wie gesagt, vor zwei Wochen waren wir am Boden zerstört, jetzt sind wir wieder oben."
Sie wurden als Führungsspieler geholt, tragen mitunter die Kapitänsschleife. Wie liegt Ihnen die Rolle?
"Sehr gut. Sie entwickelt sich mit der Zeit, kommt mit der Routine. Ich habe in etwa 600 Spiele gemacht. Ich rede mit den Spielern, gebe ein paar Tipps. Die Führungsrolle kommt da automatisch mit dem Alter. Ich gebe immer 100 Prozent, das bekommen die anderen mit, denke ich."
Sie sind bis Sommer von Derby County ausgeliehen. Sind es Ihre letzten zehn Rapid-Spiele? Was muss passieren, dass Sie bleiben?
"Ich habe keine Ahnung, um ehrlich zu sein. Derby hat die Option, meinen Vertrag ein Jahr zu verlängern. Wenn sie das nicht tun, bin ich frei im Sommer."
Wie haben Ihre Derby-County-Kollegen reagiert, als Sie ihnen gesagt haben, dass Sie zu einem kriselnden Klub in Österreich wechseln?
"Ich habe ihnen die Gründe erklärt, warum ich den Schritt mache, das haben dann alle verstanden. Es ist ja cool, zum Verein zu gehen, bei dem man als Kind war, von dem man Fan war. Ich schreibe auch fast täglich mit den Kollegen. Der Derby-Trainer hat mich beim Wechsel unterstützt."
Wie ist es, nach so langer Zeit in England wieder Deutsch als Hauptsprache zu haben, den Rechtsverkehr zu beachten und mit dem Euro zu bezahlen?
"Das Österreichisch geht schon wieder. Es dauert immer ein paar Tage, aber jetzt passt es. Mit dem Auto fahre ich eigentlich nicht, ich nehme die U-Bahn zum Training. Ich wohne jetzt vier Monate daheim bei den Eltern, muss mich daher um wenig kümmern. Die Mama kocht, die Wäsche wird gewaschen. Und zahlen tut man eh mit der Karte. Es ist alles super."
Gehen Sie in Wien ins Pub, um ein bisschen England-Flair aufzusaugen und die Premier League anzuschauen?
"Das nicht, aber ich treffe mich nach dem Training oft mit meinem Bruder und mit Freunden, die ich lange nicht gesehen habe. Daheim in England bin ich meist im Stress mit den drei Kindern, jetzt ist mir immer fad."
Ihre Frau und die Kids sind in England. Wie sehr fehlen sie?
"Es ist natürlich nicht leicht, weil ich es gewohnt bin, jeden Tag bei ihnen zu sein. Auch für sie ist es ungewohnt. Aber wir machen jeden Tag vor der Schule Video-Calls. Unter der Woche ist es für sie nicht so schlimm, denke ich, weil sie in der Schule sind und Sport haben. Am Wochenende, wenn sie daheim sind, vermissen sie mich sicher mehr. Aber sie wissen, es ist jetzt mal für vier Monate. Und in den Osterferien kommen sie auch her. Wir schaffen das schon."
Thema Nationalteam: Sie wollen mit zur WM, was sagt Ihr Gefühl. Wird es sich ausgehen?
"Keine Ahnung. Ich bin nicht der Einzige, der sagt, er wäre gerne dabei. Das würde jeder Fußballer sagen. Ich glaube, mit dem Wechsel habe ich gezeigt, dass ich alles versuche. Ich habe die Familie in England gelassen, um mehr Spielminuten zu bekommen. Wenn es sich nicht ausgeht, kann ich zumindest in den Spiegel schauen und sagen, dass ich alles probiert habe. Wenn es sich ausgeht, erfüllt sich ein Traum."
Mit Carney Chukwuemeka und Paul Wanner haben Sie plötzlich zwei neue Mitspieler. Der Konkurrenzkampf wurde noch größer.
"Sicher, aber für Österreich ist es natürlich super. Wer auch immer bei der WM sein wird, wir werden einen super Kader haben. Schauen wir, was passiert."