Viele Weinliebhaber schworen darauf: Der Rotwein muss vor dem Genuss atmen, damit er sein volles Aroma entfalten kann. Doch was ist dran am Mythos?
Die Antwort überrascht: Der große chemische Umbau der Tannine, also der Gerbstoffe, findet in einer Stunde Karaffen-Zeit nicht statt. Diese tiefgreifenden Veränderungen entstehen über Jahre der Flaschenreife im Keller.
Wie chip.de unter Berufung auf Ernährungswissenschaftler Uwe Knop berichtet, passiert beim Dekantieren dennoch einiges: Flüchtige Stoffe wie störende Schwefelverbindungen entweichen, der Wein riecht offener. Gleichzeitig setzt eine langsame Oxidation ein.
Die Faustregel lautet: Vor allem junge, kräftige und tanninreiche Rotweine gewinnen durch Luftkontakt. Ein jugendlicher Cabernet Sauvignon, ein Syrah oder ein ungestümer Barolo wirken nach 30 bis 60 Minuten im Dekanter deutlich zugänglicher.
Aber Vorsicht: Auch manche komplexen Weißweine blühen mit Luft regelrecht auf - etwa gereifte Rieslinge oder hochwertige Chardonnays. Frische, fruchtbetonte Weißweine und Rosés hingegen verlieren bei zu langer Belüftung ihre Spritzigkeit.
Das größte Missverständnis herrscht bei gereiften Rotweinen. Das Dogma "je älter der Wein, desto mehr Luft braucht er" ist gefährlich. Solche Weine besitzen oft eine fragile, hochempfindliche Aromatik und können an der Luft dramatisch schnell abbauen.
Der Praxis-Tipp: Die meisten Weine brauchen gar keine stundenlange Sauerstoff-Inszenierung. Einfach ein paar Minuten vor dem Trinken ins Glas einschenken und leicht schwenken - das reicht völlig aus.