Ukraine

Russischer Marschflugkörper schlug mitten in Polen ein

Hunderte Kilometer westlich von Warschau ist eine russische Rakete eingeschlagen. Der Trümmerfund wird nun innerhalb Polens zum Skandal.
Roman Palman
10.05.2023, 17:50
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Eine mitten in Polen eingeschlagene Rakete dürfte von russischen Kampfjets abgefeuert worden sein. Wie das polnische Radio RMF24 am Mittwoch berichtet, handelt es sich den vorläufigen Untersuchungsergebnissen zufolge um einen Marschflugkörper vom Typ Ch-55 (NATO-Codename "AS-15 Kent").

Der Fall erregte in ganz Polen Aufsehen, nachdem Passant am 27. April zufällig in einem Waldstück nahe dem Dorf Zamość bei Bydgoszcz (dt. Bromberg), rund 230 Kilometer nordwestlich von Warschau, die Trümmer einer Rakete in einem kleinen Krater entdeckt hatte. Der Korpus des Flugkörpers sei meterhoch aus dem Boden geragt.

Ein Marschflugkörper vom Typ Ch-55 aus der Sowjetzeit im ukrainischen Luftwaffenmuseum, aufgenommen 2008. Die Ukraine gab ihren gesamten einsatzfähigen Bestand dieser Raketen in den 1990ern auf, sie wurden verschrottet oder an Russland übergeben.
Wikimedia / George Chernilevsky, gemeinfrei

UFO aus Belarus

Laut dem Technischen Institut der polnischen Luftwaffe (ITWL), das die Ermittlungen ausführt, sei die Luft-Boden-Rakete wohl schon im vergangenen Dezember von einem russischen Jagdbomber über Belarus im Rahmen eines großangelegten Angriffs auf die Ukraine abgeschossen worden. Anstatt ins Kriegsgebiet raste diese aber offenbar direkt nach Westen und damit nach Polen.

NATO-Flugzeuge hätten damals russische Mehrzweckbomber vom Typ Su-34 überwacht, die dem Bündnis-Luftraum sehr nahe gekommen waren. Während dieser Aktion sei auf dem polnischen Radar auch ein unidentifiziertes Flugobjekt aufgetaucht.

Die Luftraumüberwachung des Landes konnte dieses noch bis in die Nähe von Bydgoszcz verfolgen, ehe es von den Bildschirmen verschwand. Zwischen diesem Punkt und der später gefundenen Absturzstelle sollen nur 2 Kilometer liegen, weshalb davon ausgegangen wird, dass es sich bei der gefunden Rakete um das damalige UFO handelt.

Militär vertuschte alles

Der Vorfall wird nun auch zum Politikum in Polen – allerdings nicht weil die Rakete eine russische war. Wie RMF24 herausfinden konnte, hatte das Militär entgegen seiner Pflicht nicht die Staatsanwaltschaft über das unbekannte Flugobjekt in Kenntnis gesetzt. Auch der Premierminister Mateusz Morawiecki wurde im Dunklen gelassen. Jetzt wird spekuliert, weshalb die Armee die Causa hatte vertuschen wollen.

Erst als die Trümmer gefunden wurden, machte auch das Militär erstmals Meldung. Diese waren noch in relativ gutem Zustand, da es offenbar bei dem Absturz nicht zur Explosion gekommen war. 

Als Atomwaffenträger entwickelt

Ch-55-Marschflugkörper wurden noch während der Sowjet-Zeit für Atomangriffe entwickelt. Sie können theoretisch einen Nuklearsprengkopf bis in ein 3.000 Kilometer entferntes Ziel steuern. Im heutigen Russland sind sie in modifizierter Variante mit konventionellen Ladungen im Einsatz. Polen hat weder Raketen dieses Typs noch passende Abschusssysteme im Arsenal.

Zwei Tote bei Einschlag im Grenzgebiet

Bereits im November 2022 war es zu einem tödlichen Raketeneinschlag im ukrainisch-polnischen Grenzgebiet gekommen. Damals wurden zwei Menschen in einer landwirtschaftlichen Trocknungsanlage in Przewodów getötet. Die Opfer waren ein Vorarbeiter und ein Bauer, die am Nachmittag Mais dorthin gebracht hatten.

Beide waren auf der Stelle tot. Auch das Backsteingebäude, in dem sich die Anlage befand, wurde vollständig zerstört.

Nach anfänglichen Vermutungen, dass dies eine russische Rakete gewesen sei, gab es eine brisante Wende. Bei dem Geschoss handelte es sich um eine fehlgeleitete Flugabwehrrakete eines Systems S-300 aus der Ukraine. Dieses ist russischer Bauart, ist seit den 1970er Jahren auch in ehemaligen Sowjetrepubliken weit verbreitet.

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