Verpasse ich etwas? Ist das Leben der anderen nicht aufregender, produktiver, einfach besser als meines? Warum bin ich nicht dabei? Nicht interessant genug? Willkommen bei FOMO – der "Fear of Missing Out", jener Angst unserer Zeit, ständig etwas zu verpassen. Zwischen Selbstoptimierung und Dauer-Produktivität wächst der Druck, überall mitzumischen – und doch nirgends zu fehlen.
Ab 5. März bringt das Volkstheater Wien dieses Phänomen in der Dunkelkammer auf die Bühne. In seiner ersten Arbeit in Österreich inszeniert der israelische Regisseur Ran Chai Bar-zvi eine augenzwinkernde Liebeserklärung an ein allgegenwärtiges Gefühl. Am großen Premierenabend steht Schauspieler Andrej Agranovski dann alleine auf der kleinen Bühne – in persönlicher Rolle, autobiografisch, und konfrontiert das Publikum mit der gegenwärtigsten Angst der Welt: "FOMO – Liebeserklärung an die Angst unserer Zeit".
Für Schauspieler wie Agranovski und Regisseure wie Ran Chai Bar ist der Alltag alles andere als glamourös – obwohl er nach außen so wirken mag. "Das Verrückte ist, dass man als Künstler immer im hardcore freien Markt lebt", erzählt Ran im Heute-Interview. "Jeder arbeitet frei, alle paar Jahre muss man seinen Arbeitsplatz wechseln. Eigentlich sind wir die Ware – Schauspieler sind, was sie verkaufen."
Und das sei gar nicht so weit entfernt von dem, was heute jeder mit einem Instagram-Account tut: sich selbst vermarkten. "Unser Beruf ist wunderschön und ich lebe meinen Traum", sagt der Regisseur. "Aber gleichzeitig muss man viel opfern. Wenn ich sechs Wochen in Wien bin, genieße ich das natürlich – aber ich verpasse auch viel soziales Leben zu Hause. Und das alles, um einer eigenen Idee zu folgen." Da kann schon mal FOMO aufkommen und aus diesen persönlichen Erfahrungen ist auch die Idee des Stücks entstanden, wie die beiden Künstler verraten.
Viele Opfer, die die beiden aufbringen müssen, um ihren Traum zu leben - aber zu wie vielen Teilen macht man Kunst auch für den Ruhm? Dazu äußert sich Ran ganz klar: "Ich mache es für die Kunst selbst. Wenn es überhaupt für äußere Bestätigung ist, dann nur, um meine Eltern stolz zu machen." gibt der Berliner laut lachend zu. "Der Alltag eines Künstlers ist so stressig und unsicher, dass man ihn nicht ohne Leidenschaft machen würde. 90 Prozent der Menschen, die Schauspiel machen, erleben keinen Ruhm. Und wenn sie mal ein bisschen Ruhm genießen, kommt der Stress."
Bewertung, Unsicherheit, Druck – all das gehört zum Paket. "Wenn man das nur macht, um berühmt zu sein, dann ist man ein bisschen dumm", sagt der Regisseur. Agranovski ergänzt augenzwinkernd: "Aber ich würde lügen, wenn ich sage, ich will nicht einer dieser Namen sein" – und erwähnt in diesem Kontext Hollywood-Größe Christoph Waltz.
Der bescheidene und sympathische Schauspieler bleibt dabei jedoch ganz bodenständig und realistisch. Auch wenn er als festes Ensemblemitglied des Volkstheater Wien nun etwas Sicherheit genießt und eine Bühne bekommt, weiß er: "Es kann halt auch so schnell wieder weg sein." Für ihn ist das Ziel aber nicht Ruhm, sondern frei von Angst in einer konkurrenzreichen Berufswelt zu arbeiten.
Zwischen Traum und Realität: Für die beiden Ur-Berliner ist die Bühne ein Ort, an dem Leidenschaft alles ist – auch wenn sie dafür persönliche Opfer bringen müssen. Und genau dieses ehrliche Aufzeigen von Sehnsucht, Druck und FOMO macht das Stück zu einer Spiegelung unserer Zeit.