Wie in einer Sekte

Selfcare-Sekte sucht und findet sich im Volkstheater

Meditation, Morgenroutine, Mindfulness-Hacks – "Ein Life Coaching auf Leben und Tod": Am 20. Februar feiert "Liv, Love, Laugh Strömquist" Premiere.
Anna Wallinger
20.02.2026, 06:00
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Wie gelingt ein glückliches, achtsames Leben? Vielleicht so: Nach dem Aufwachen ein Traumtagebuch führen, zehn Minuten meditieren, einen Liter Ingwer-Kurkuma-Wasser trinken, parallel den Mindfulness-Podcast in doppelter Geschwindigkeit hören. Beim Zähneputzen das Spiegelbild anlächeln und positive Mantras wiederholen.

Genau diese absurde Daueroptimierung nimmt das Stück "Liv, Love, Laugh" nach Liv Strömquists Comic-Bestseller "Das Orakel spricht" ins Visier. Am 20. Februar feiert die Inszenierung im Volkstheater Wien Premiere – und hält der Gegenwart einen ebenso komischen, wie gnadenlosen Spiegel vor.

Wenn Selbstfürsorge zur Sekte wird

Self-Help-Bücher, Instagram-Sinnfluencer und Life Coaches profitieren davon, dass Menschen versuchen, aus jedem Augenblick des Lebens noch mehr Effizienz, Achtsamkeit und Glück herauszuholen. Doch woher kommt diese Sehnsucht nach ständiger Optimierung? Und was steckt hinter der Angst, nicht genug zu sein?

Eine Figur im Stück treibt diese Logik besonders weit: Katharina Kurschat spielt – neben mehreren anderen Rollen – auch eine Psychologin, die sich im Laufe der Handlung zu einer Art Sektenführerin entwickelt. "Sie hat eine ganz starke Meinung darüber, wie man mit seinem emotionalen Kapital umzugehen hat", erzählt die Darstellerin, die seit der Spielzeit 2025/26 Teil des Ensembles ist, im "Heute"-Gespräch.

Gerade die Rolle der Psychologin bereitet ihr besonders viel Freude, weil sie zeigt, wie schnell Selbstfürsorge in Selbstbesessenheit umschlagen kann. Auf der Bühne gibt sie Ratschläge, die bewusst ins Absurde kippen – etwa, alle Menschen aus dem eigenen Leben zu streichen, die "negative Effekte auf einen haben". "Das ist natürlich ein wahnsinnig schlechter Tipp", sagt Kurschat lachend, "und den zu geben, bringt mir besonders viel Spaß."

Effizient glücklich sein? Ein Symptom unserer Zeit

Übertriebene Selbstfürsorge sei längst ein gesellschaftliches Problem, meint die Schauspielerin. "Es geht immer darum, effizient zu sein – möglichst viel Spaß zu haben und Selbstfürsorge zu betreiben". Doch hilfreich sei das nicht unbedingt. Viel eher liege die Rettung im gemeinschaftlichen Erleben: "Ich sehe die Rettung in einem gemeinschaftlichen Miteinander, in Resonanz".

Gerade deshalb könne Theater heute mehr sein als Unterhaltung. Es mache etwas möglich, das im Alltag oft verloren geht: Gemeinsamkeit. "Man erinnert sich dann auch am meisten an den schönen Theaterbesuch und weniger an den Fitnessstudio-Besuch."

Glück lässt sich nicht erzwingen

Auch privat setzt Kurschat weniger auf ritualisierte Routinen als auf ein Gespür dafür, was wirklich guttut. "Ich würde nicht sagen, dass ich Routinen habe, die Selbstfürsorge betreffen, außer halt Zähneputzen, eh klar". Selbstfürsorge sei eher ein Bewusstsein für das, was ihr gut tue, als ein strenger Ablaufplan.

Und vor allem widerspricht sie dem großen Versprechen der Optimierungsindustrie: Dass Glück nur eine Frage der richtigen Technik sei. "Ein glückliches und erfülltes Leben gelingt, indem man eben nicht versucht, ein glückliches Leben zu führen, sondern indem man das Leben auf sich zukommen lässt und dabei kleine, schöne Momente entdeckt".

Wofür es sich zu leben lohnt

In einer Welt voller Krisen, Überforderung und Dauerlähmung suchen viele Menschen nach Kontrolle – und finden sie in Routinen, Programmen, Selbstverbesserung. Doch Strömquists Stück stellt eine unbequemere Frage: Was bleibt, wenn wir aufhören, uns selbst ständig zu optimieren?

Vielleicht ist die Antwort überraschend schlicht. Vielleicht lohnt es sich nicht für die perfekte Version seiner selbst zu leben, sondern für das, was sich nicht planen lässt: Liebe, Gemeinschaft, echte Begegnung. Oder wie Kurschat es am Ende des Gesprächs sagt: "Für die Liebe lohnt es sich immer zu leben!"

{title && {title} } wall, {title && {title} } Akt. 23.02.2026, 10:10, 20.02.2026, 06:00
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