Niederösterreich

Schwerkranke: "Weil ich Sex habe, muss ich Job suchen"

Sonja C. ist schwer krank, darf aber nicht in Pension. Beim Check wurde sie nach ihrem Sexleben gefragt. Resultat: Sie soll voll berufsfähig sein.

Sonja C. (46) leidet an MS, kann teils kaum aus dem Bett. Die PVA hält sie für voll berufsfähig.
Sonja C. (46) leidet an MS, kann teils kaum aus dem Bett. Die PVA hält sie für voll berufsfähig.
privat

Alleinerzieherin Sonja C. (46) aus Wiener Neustadt hat viele Schicksalsschläge hinter sich, dennoch weder Kampfgeist noch Lebensfreude verloren. Nach einem furchtbaren Brandunfall ihres damals vierjährigen Sohnes erhielt die Wr. Neustädterin im Jahr 2009 die niederschmetternde Diagnose: Multiple Sklerose.

Trotz Krankheit gearbeitet

Dennoch arbeitete die zweifache Mutter bis zum Jahr 2017 als Verkäuferin in einer Bäckerei: "Ich biss mich durch, erzog meine zwei Burschen zur Selbstständigkeit". Doch dann nahmen Schmerzen, Schwindel und Gleichgewichtsstörungen massiv zu. "Zeitweise war ich bettlägrig oder konnte nur mit dem Rollator raus", erzählt Sonja C.

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    Sonja C. soll schwer krank einen Job suchen.
    Sonja C. soll schwer krank einen Job suchen.
    privat

    Die Mutter, die auch schon mit dem Finanzamt unliebsame Erfahrungen gemacht und über Monate kein Kindergeld bekommen hat, kämpft nun seit längerer Zeit um ihre Invaliditätspension. Doch von Seiten der PVA setzte es stets nur Ablehnungen.

    Fragen nach Sex in Unterhose

    Vor knapp einem Jahr hatte sie eine ausführliche Untersuchung bei der PVA. "Ich suchte um eine Heimuntersuchung an, wurde aber nach St. Pölten zitiert. Ich sollte dort 20 Kniebeugen machen, was absurd war. Dann wurde ich gefragt, wie oft ich Sex habe und wie oft ich den Partner wechsle", so die 46-Jährige, die nach Jahren endlich wieder einen lieben Menschen gefunden hat.

    Abschließend wurde Sonja C. noch gefragt, wie oft sie verheiratet gewesen war: "Ich stellte klar, dass ich einmal verheiratet war, die Ärztin rannte mir dann bis aufs Klo nach und fragte, ob ich sicher sei und ob nicht doch zwei oder drei Mal verheiratet gewesen sei. Die Behandlung bei der Untersuchung war in Summe sehr demütigend. Man sitzt da in der Unterhose und wird übers Sexleben ausgefragt."

    Schließlich wurde Sonja C. als voll berufsfähig eingestuft und soll sich nun für diverse Stellen bewerben. "Das AMS quält mich derzeit, aber denen mache ich keinen Vorwurf. Meine AMS-Betreuerin war selbst fassungslos, dass ich die Pension nicht bekommen habe", so die Statutarstädterin. Mittlerweile bekommt die 46-Jährige sogar Stellen vom AMS Wien zugeschickt. Die zweifache Mutter und Alleinerzieherin ergänzt abschließend: "Mir kommt vor, nur weil ich Sex habe, glaubt die Ärztin der PVA, ich könne auch automatisch uneingeschränkt arbeiten. Bei einer Ablehnung stand im Bescheid drin, dass ich mit rot gefärbten Haaren gekommen sei. Meine Freundin ist Frisörin und überhaupt was hat dies mit dem Sachverhalt zu tun?

    Das sagt AMS

    Die 46-Jährige, die auch kein Pflegegeld bekommt und derzeit nur von Notstandsbeihilfe lebt, hat via Anwalt Beschwerde gegen den Bescheid der PVA eingelegt.

    Eine bemühte Sprecherin des AMS NÖ dazu: "Wird ein Pensionsantrag abgelehnt und die betroffene Person als arbeitsfähig befunden, dann ist diese Entscheidung der PVA für das AMS bindend. Der Geschäftsstellenleiter des AMS Wiener Neustadt hat sich nun der Sache von Frau C. angenommen. Bei ihrem nächsten Termin (Mitte September) wird in einem gemeinsamen Gespräch geklärt, wie das AMS Frau C. mit ihren gesundheitlichen Problemen am besten unterstützen kann. Verschiedene Förderangebote werden hier Thema sein."

    Gerichtstermin am 9.9.

    Somit bleiben zwei zarte Hoffnungsschimmer für Sonja C.: Am 9. September 2022 hat Sonja C. einen Termin am Landesgericht Wr. Neustadt betreffend der Angelegenheit und am 15. September den nächsten Termin beim AMS Wiener Neustadt.

    Die PVA sagte auf Anfrage zu, sich den Fall anzusehen, verwies aber auf die DSVGO. Da "Heute" von Sonja C. eine vollständig ausgefüllte und unterzeichnete Vollmacht und Einwilligung zur Entbindung der personenbezogenen Daten benötigte, diese erst am Mittwochabend der PVA schicken konnte, stand die Antwort der PVA noch aus.

    Auch ein einarmiger 58-Jähriger aus NÖ ist im Streit mit der PVA, soll sich einen Job suchen - mehr dazu hier.

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