Es ist eine Parallelwelt. Sie mischen sich in Beziehungen ein, greifen auch zu Gewalt: Selbsternannte "Sittenwächter" sorgen innerhalb der tschetschenischen Community in Österreich für Probleme.
Der aktuelle Jahresbericht der Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI) beleuchtet genau dieses Phänomen. Grundlage ist eine Studie mit 14 Befragten aus der tschetschenischen Community in Wien. Die Untersuchung liefert konkrete Einblicke in die Beweggründe.
Bei den "Sittenwächtern" handelt es sich laut Bericht um junge Männer, die vermeintlich "moralisch angemessenes" Verhalten innerhalb der eigenen Community durchsetzen wollen.
Dabei komme es zu "Einschüchterungen und sogar Gewalt, insbesondere auch gegen Frauen". Manche Befragte erklärten sogar, eine Verpflichtung verspürt zu haben, "insbesondere das Verhalten von Frauen aus der Community zu kontrollieren".
Konkret geht es auch um Beziehungen. Informanten berichten von einem "traditionell-gewohnheitsrechtlichen Reflex", Beziehungen zwischen tschetschenischen Frauen und Männern außerhalb der Community zu verhindern.
Damit solle "die ethnische Identität und familiäre Abstammung innerhalb der Community" bewahrt werden.
Interessant: Aus islamisch-religiöser Sicht seien solche Beziehungen nicht grundsätzlich verboten. Die Scharia erlaube Ehen unterschiedlicher ethnischer Herkunft. Auch das öffentliche Bloßstellen vermeintlicher moralischer Verfehlungen widerspreche laut Interviewpartnern religiösen Normen.
Hinter den "Sittenwächtern" muss laut Studie auch keine straff organisierte Gruppe stehen. Befragte nennen als mögliche Gründe "Langeweile, mangelnde Perspektiven sowie ein unverhältnismäßig stark ausgeprägtes Ehrgefühl in Bezug auf die eigene Gemeinschaft".
Viele Aktionen würden demnach eher spontan oder informell entstehen. Die Autoren betonen allerdings, dass stärker organisierte Gruppen deshalb nicht ausgeschlossen werden können.
Religiöse Argumente würden laut Bericht zwar teilweise zur Rechtfertigung verwendet. Informanten aus der Community betonen aber, dass diese "nicht zwangsläufig im Mittelpunkt stehen müssen".
Eine Rolle könnten vielmehr ethnische Abgrenzung und traditionelle Vorstellungen spielen. Genannt wird auch das tschetschenische Gewohnheitsrecht "Adat", dessen Regeln teilweise vom islamischen Recht abweichen.
Angesichts von Gewalt und Gewaltbereitschaft hält der Bericht neben Prävention auch "entschlossene Repression" für notwendig.