Ein neuer brisanter Bericht zeigt, wie der Politische Islam seine Methoden verändert. Vom dunklen Hinterzimmer ziehen die radikalen Netzwerke ins Internet.
Der Jahresbericht der Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI) beschreibt, wie islamistische Netzwerke Trends aufgreifen und für sich nutzen. Dabei geht es längst nicht nur um Religion oder Politik. Auch Fitness, Ernährung, Karriere, Beziehungen und persönliche Weiterentwicklung werden laut Bericht mit ideologischen Botschaften verbunden.
Eine wichtige Rolle spielen soziale Medien. Influencer greifen Alltagsfragen und politische Konflikte auf und verbinden diese laut DPI teilweise mit demokratiefeindlichen und antisemitischen Sichtweisen. Der Westen wird dabei zum Feindbild, die liberale Demokratie grundsätzlich infrage gestellt.
Gleichzeitig wird mit dem islamistischen Lifestyle Geld verdient. Angeboten werden unter anderem Bücher, Coachings, Retreats, Vernetzungstreffen und Veranstaltungen. Religion, Gemeinschaft und finanzieller Erfolg werden miteinander verknüpft, so der Jahresbericht.
Ein Beispiel ist laut Bericht das Projekt "Rujulah 1.000", das von einer Führungspersönlichkeit der salafistischen Missionierungsorganisation IMAN gestartet wurde. Mit Glauben, Selbstoptimierung und strenger Disziplin soll eine "maskuline Exzellenz" erreicht werden. Das Projekt bietet Retreats und Kurse an und wirbt mit "wahrer Männlichkeit".
Auch Fitness wird genutzt. Die Marke "Deenathletic" verbindet laut DPI Sport mit einem islamistischen Lebensstil. Solche Angebote sollen einen einfachen Zugang zu religiös geprägten Gemeinschaften schaffen, über die auch neue Mitglieder gewonnen werden sollen.
Eine weitere Entwicklung betrifft Künstliche Intelligenz. Sprachmodelle, Chatbots und automatisch erstellte Suchzusammenfassungen greifen auf frei verfügbare Inhalte im Internet zurück.
Laut DPI wird deshalb versucht, Wissensplattformen gezielt zu beeinflussen. Als Beispiel nennt der Bericht den deutschsprachigen Wikipedia-Artikel über die Muslimbruderschaft. Einzelne User hätten wiederholt kritische Quellen entfernt und andere ergänzt, die die Gruppierung positiver darstellen.
Das kann weitreichende Folgen haben: Wer Inhalte auf großen Wissensplattformen prägt, kann laut DPI damit auch Informationen beeinflussen, auf die KI-Systeme und Suchmaschinen zurückgreifen.
Der Bericht beschäftigt sich auch mit ausländischen Akteuren. So werde in der türkeistämmigen Diaspora über Verbände, Vereine, Bildungseinrichtungen und Medien ein Weltbild verbreitet, das eine "islamische Zivilisation" der westlichen Gesellschaft gegenüberstellt. Davon sei auch Österreich betroffen.
Einen direkten Österreich-Bezug gibt es zudem beim Propagandamedium "Gaza Now". Es wurde laut Bericht von einem in Linz lebenden Aktivisten gegründet. Dem arabischsprachigen Kanal folgen mehr als 1,3 Millionen Menschen, dem englischsprachigen knapp 200.000.
Dort wird unter anderem Bildmaterial der Al-Qassam-Brigaden und anderer islamistischer Einheiten verbreitet, in dem deren Kämpfer heroisiert werden.
"Der DPI-Jahresbericht dokumentiert die Professionalisierung und Diversifizierung von Akteuren des Politischen Islams. Die liberalen Demokratien in Europa müssen sich dieser Herausforderung stellen. Es ist wichtig, die Methoden und Strategien der Bewegungen des Politischen Islams zu durchschauen, wie etwa die zunehmende Nutzung von neuen identitätsstiftenden Angeboten", so DPI-Direktorin Lisa Fellhofer.