Normalerweise sind jede Nacht in Wien rund 550 Polizisten im Einsatz. Am Tag des Terroranschlags waren es fast doppelt so viele. 540 Notrufe gingen in der Wiener Zentrale innerhalb von nur 60 Minuten ein. Auch als der Terrorist bereits neutralisiert war, wählten hunderte besorgte Bürger die 133, weil sie weitere Täter, Geiselnahmen und Tote vermuteten.
Die unzähligen, schwer bewaffneten Beamten wurden in der chaotischen Situation oftmals fälschlicherweise für Terroristen gehalten und waren dadurch gebunden. Auch für die Landesleitzentrale war es deswegen eine große Herausforderung, die Notrufe richtig zu beurteilen und Einsatzkräfte hinzubeordern, um schnellstmöglich an einem etwaigen weiteren Tatort sein zu können.
Dienst hatten an diesem Abend die Notruf- und Einsatzdisponenten Thomas F. und Christian H. Thomas erhielt um exakt 20.00 Uhr und 48 Sekunden den ersten Notruf eines Anwohners "Mehrere Schüsse in der Seitenstettengasse 6". Im Sekundentakt folgen weitere Anrufe, aus einem hinbeorderten Streifenwagen werden drei, der Einsatz erhält die höchste Priorität, Thomas steht auf, ruft durch das Zimmer "Schussabgabe Innenstadt", damit alle sofort Bescheid wissen.
„"Ich habe die ganze Situation ehrlicherweise erst in der Früh richtig realisiert, als ich außer Dienst und aus dem Gebäude gegangen bin."“
Keine 120 Sekunden später treffen die ersten Beamten ein, sichten den Täter und liefern sich einen Schusswechsel mit ihm. Währenddessen trudeln weitere Informationen von Anrufern ein. "Das Schwierigste in so einer Situation ist es, mit der immensen Informationsflut richtig umzugehen: Falschmeldungen, Meldungen über Verletzte, Meldungen von Kollegen, Notrufe – all das muss so schnell wie irgendwie möglich in ein übersichtliches und stimmiges Bild für den Kommandanten zusammengefügt werden", erklärt Christian.
Auch Christian nimmt erste Anrufe entgegen. "Mein erster Notruf war ein Anrufer, der sehr aufgebracht ins Telefon geschrien hat: 'Schusswechsel in der Innenstadt'", erzählt er. Solche Meldungen gibt es tagtäglich, meistens handelt es sich dabei um Knallkörper oder Falschmeldungen. Auch an diesem Tag ging man deswegen nicht sofort von tatsächlichen Schüssen aus.
„"Als sich aber dann sekündlich die Meldungen über Schüsse wiederholten, war uns schnell klar, dass wir uns in Richtung Ausnahmezustand bewegen."“
"Unser Erfolg und unsere effiziente Einsatzabwicklung bei der Sonderlage erklären sich durch ein eingespieltes Zusammenwirken von vielen verschiedenen Rädchen, die Landesleitzentrale ist eines davon. Vor allem die ruhigen und überlegten Maßnahmen des Einsatzkommanden vor Ort in der „roten Zone“ haben uns in der Funkstelle extrem geholfen, diese unübersichtliche Situation zu meistern."
Das Einsatzprotokoll der Landesleitzentrale von jenem Abend liegt "Heute" vor. In diesem findet sich die genaue Zeitangabe der Anrufe, Reaktionen darauf und 15 ausgewählte Paralleleinsätze, die sich in den ersten 90 Minuten ereigneten.
➤ 20.00.48 Uhr: Erster Notruf: "Mehrere Schüsse in der Seitenstettengasse 5", Anrufer wohnt in der Nähe
➤ 20.01.10 Uhr: Einsatz erhält Priorität 1
➤ 20.01.22 Uhr: Der erste Streifenwagen wird entsandt
➤ 20:01:23 Uhr: Zwei weitere Wagen werden geschickt
➤ 20.01.23 Uhr: Meldung über Schusswechsel beim Schwedenplatz mit Schrotflinte
➤ 20.03.21 Uhr: Der Täter wird gesichtet. Vor einem Lokal in der Seitenstettengasse kommt es zu einem ersten Schusswechsel mit zwei Beamten
➤ 20:03:22 Uhr: Beamte finden die erste verletzte Person
➤ 20.04.48 Uhr: Ein Beamter wird getroffen und schwer verletzt
➤ 20:05:12 Uhr: Es liegt eine erste Täterbeschreibung vor
➤ 20.05.30 Uhr: Laut Anrufer hat der Täter eine automatische Waffe
➤ 20:07:41 Uhr: Weiterer Schusswechsel zwischen Terrorist und Polizei im Bereich Morzinplatz
➤ 20:07:59 Uhr: Der Polizeihubschrauber trifft im ersten Bezirk ein
➤ 20:08:31 Uhr: Ein Täter wird im Bereich Ruprechtskirche gesichtet
➤ 20:09:34 Uhr: WEGA-Beamte bekämpfen den Täter - Einsatz der Schusswaffe
➤ 20:09:42 Uhr: Meldung am Funk: "Anhaltung eines Täters" - der Attentäter ist tot
➤ 20:12:29 Uhr:Eine weitere divergierende Täterbeschreibung liegt vor - Verdacht auf mehrere Täter verhärtet sich
➤ 20:18:31 Uhr: 1. Paralleleinsatz: Jemand meldet tote Person im Stadtpark
➤ 20:29:33 Uhr: 2. Paralleleinsatz: Meldung über verdächtige Personen auf einem Hausdach in der City
➤ 20:32:37 Uhr: Laufend melden sich Zeugen, die den bzw. die Täter gesehen haben
➤ 20:38:12 Uhr: 3. Paralleleinsatz: Jemand meldet einen Täter am Hohen Markt
➤ 20:43:28 Uhr: 4. Paralleleinsatz: Meldung über "Mann mit Gewehr" am Hof
➤ 20:43:45 Uhr: 5. Paralleleinsatz: Meldung über "Attentäter in Lokal"
➤ 20:44:07 Uhr: 6. Paralleleinsatz: Meldung über "Bewaffnete Person in Naglergasse"
➤ 20:45:33 Uhr: 7. Paralleleinsatz: Meldung über "Schüsse am Tuchlauben"
➤ 20:48:10 Uhr: 8. Paralleleinsatz: "verdächtige Gruppe im 2. Bezirk"
➤ 20:49:28 Uhr: 9. Paralleleinsatz: Meldung über "Schüsse am Graben"
➤ 20:52:36 Uhr: 10. Paralleleinsatz: Meldung über "Täter im Keller von Lokal"
➤ 20:52:56 Uhr: 11. Paralleleinsatz: Meldung über "Täter in Goldschmiedgasse"
➤ 20:53:52 Uhr: 12. Paralleleinsatz: Meldung über "Täter in Lokal"
➤ 20:57:44 Uhr:13. Paralleleinsatz: Meldung über "Bewaffnete in einem Lokal"
➤ 21:11:59 Uhr: 14. Paralleleinsatz: Jemand meldet "Attacke durch mehrere Männer"
➤ 21:30:00 Uhr: 15. Paralleleinsatz: Jemand meldet Geiselnahme in Restaurant in Mariahilf