Immer wieder müssen Österreichs Bergretter wegen Minderjährigen ausrücken, die ohne notwendige Ausrüstung und Planung unterwegs sind. Alleine im Oktober kam es zu zahlreichen Einsätzen. Das Ganze geht schon so weit, dass die unerfahrenen Jugendlichen von den Bergrettern bereits eine eigene Bezeichnung bekommen haben.
Demnach werden sie "TikTok-Alpinisten" genannt. Laut den Einsatzkräften würden die jungen Personen in den sozialen Medien etwa einen Sonnenaufgang am Gipfel des Schneebergs gesehen haben. Weil sie so einen Moment dann selbst erleben möchten, würden sie losziehen, ohne ihre Tour zu planen und Erfahrung zu haben. Dies kann mitunter zu gefährlichen Situationen führen.
Seitens der Alpinpolizei Niederösterreich hieß es gegenüber dem "Kurier", dass es inzwischen genug Beispiele für Minderjährige gebe, die aufgrund von Selbstüberschätzung in Bergnot gerieten. Auch die niederösterreichische Bergrettung machte auf die Vorgänge in den Bergen aufmerksam. Alleine im Oktober wären vier der sechs jüngsten Alarmierungen im Rax-Schneeberggebiet (Bezirk Neunkirchen) auf minderjährige Personen zurückzuführen gewesen.
Sie mussten wegen fehlender Kenntnis, Kondition, Tourenvorbereitung und Ausrüstung vom Berg geholt werden. Seitens der Alpinpolizei handle es sich um einen deutlich erkennbaren Trend. Die Bergrettung Reichenau an der Rax betonte, dass die Jugendlichen ohne Erziehungsberechtigte das Einsatzgeschehen im Herbst maßgeblich geprägt hätten.
Besonders Berggebiete, die in der Nähe von großen Ballungsräumen wie Wien liegen, würden zahlreiche Jugendliche anziehen. So kamen im Oktober fünf Jugendliche aus der Ukraine mit einem Zug von Wien zum Bahnhof Payerbach-Reichenau. Sie wollten auf den Gipfel des Krummbachsteins (1.603 Meter Höhe) gelangen.
Das Unterschätzen der Strecke, fehlende Ausrüstung und die Dunkelheit machten den Abstieg für die Gruppe allerdings unmöglich. Laut dem Bericht hätten die Jugendlichen dennoch erst um 21.21 Uhr einen Notruf abgesetzt.
Ähnlich erging es zwei Geschwistern (16 und 17 Jahre alt) aus Wien. Die beiden saßen am Bärenpfad auf knapp 1.100 Metern Seehöhe in den Felsen fest. Auch ihre Ausrüstung sei für die Wanderung "mangelhaft" gewesen. Die Bergretter mussten nach einem Notruf einschreiten.
Über den Törlweg wollten zwei junge Wienerinnen – eine davon minderjährig – auf die Rax aufsteigen. Sie suchten über eine Handy-App nach einer schnellen Abstiegsroute, als sie von der Dämmerung überrascht wurden. Vereiste Schneefelder in der Preinerwandschütt machten ein Weiterkommen für die beiden dann aber unmöglich. Für die Rettung musste eine Drohnengruppe ausrücken, da die Wienerinnen ihren Standort mittels Handy nicht feststellen konnten
Ebenfalls gerettet werden mussten auf der Rax drei 17-Jährige aus Wien. Da sie den Wanderweg nicht finden konnten, gerieten sie in einen ehemaligen Steinbruch. Trotzdem hätten sie die Wanderung fortgesetzt. Dabei seien sie durch senkrechtes, felsdurchsetztes und steinschlaggefährdetes Gelände bergauf marschiert. Erst als einer der Jugendlichen nicht mehr konnte, wurde der Notruf abgesetzt.
Besonders dramatisch: die beiden anderen hätten den 17-Jährigen alleine in der Wand zurückgelassen. Sie trugen bei ihrer nicht durchgeplanten Wanderung Jogginghosen und Sneakers. Seitens der Bergrettung wurde "grober Fahrlässigkeit" gesprochen. In allen Fällen wurden die Einsatzkosten in Rechnung gestellt.
Laut der Alpinpolizei würden vor allem junge Männer zur Selbstüberschätzung in den Bergen tendieren. Besonders in der Anwesenheit von Frauen würden sie weitergehen, obwohl sie nicht mehr können. Dieses Verhalten sei allerdings falsch und gefährlich.
Demnach zeuge es "von Größe und Kompetenz, wenn man den Mut zur Umkehr hat", hieß es seitens der Alpinpolizei. Gestehe man sich die eigene Überforderung nicht ein, könne es in den Bergen schnell lebensgefährlich werden.