Nur wenige Meter unter dem Gipfel des Großglockners endet in der Nacht vom 18. auf den 19. Jänner 2025 eine Tour tödlich. Eine 33-jährige Salzburgerin bleibt erschöpft am Grat – einem schmalen, ausgesetzten Bergrücken nahe dem Gipfel – zurück, ihr 36-jähriger Lebensgefährte steigt in Richtung Erzherzog-Johann-Hütte (Adlersruhe) ab, die unterhalb des Gipfels liegt, um Hilfe zu holen. Stunden später konnten Bergretter die junge Frau nur mehr tot auffinden.
Am Donnerstag (19. Februar) beginnt am Landesgericht Innsbruck der Prozess gegen den 36-jährigen Salzburger wegen grob fahrlässiger Tötung. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass in jener Nacht am Großglockner folgenschwere Fehlentscheidungen getroffen wurden. Der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe, es gilt die Unschuldsvermutung.
Seit Monaten dreht sich die öffentliche Debatte um eine zentrale Frage: War es eine tragische Verkettung unglücklicher Umstände – oder hätte der Tod der 33-Jährigen verhindert werden können? Für Extrembergsteiger Joe Bachler ist die Bewertung deutlich. Er spricht von einem "ganz groben Fehler" und kritisiert vor allem das Zurücklassen der Frau am Berg scharf.
Bachler, auf dessen Konto 80 Erstbesteigungen gehen, war zu Gast in der Servus-TV-Sendung "Blickwechsel". Dort zeigte er sich "erschüttert": "Warum muss so etwas passieren? Einfach bitter. Wer den Großglockner kenne und das Gesamtbild verstehe, frage sich unweigerlich, wie es so weit kommen konnte."
Vor allem eine Entscheidung sieht er als zentral an. "Man darf in diesem Fall den Partner oder die Partnerin nicht verlassen. Das war in dem Fall aus meiner Perspektive ein ganz grober Fehler." In einer solchen Extremsituation müsse man zusammenbleiben, sich wärmen und alle verfügbaren Mittel nutzen, um die Nacht zu überstehen.
Besonders brisant ist für den Extrembergsteiger, dass am Stüdlgrat Handyempfang möglich ist. Zudem soll gegen 22.30 Uhr ein Hubschrauber die beiden gesichtet haben. Ein klares Notsignal sei laut Ermittlungen jedoch ausgeblieben.
Für Bachler ist das kaum nachvollziehbar: "Und daher ist alles richtig, wenn man einfach nur Hilfe holt, Unterstützung bekommt und eben aus der Situation herauskommt." Warum kein deutliches Zeichen gegeben wurde, könne er nicht verstehen: "Warum er das nicht gemacht hat, verstehen wir nicht."
Die Mutter der Verstorbenen hatte zuletzt betont, ihre Tochter sei erfahren gewesen, Entscheidungen seien gemeinsam getroffen worden. Bachler widerspricht der Eigenverantwortung nicht, sieht aber eine klare Hierarchie am Berg. "Aber dann, wenn die als Seilschaft unterwegs sind, hat immer der die Verantwortung, der der Bessere ist, der mehr Erfahrung hat."
Auch bei der Ausrüstung ortet er eine Fehlentscheidung. Snowboardstiefel und Splitboard am winterlichen Stüdlgrat? "Es war eine Fehleinschätzung. Und das Tragische an dieser Fehleinschätzung ist, es hat dieser Frau das Leben gekostet."
Für Bachler ist die öffentliche Diskussion wichtig. Es gehe nicht um eine "Hetzjagd", sondern um Aufklärung. Am Berg herrsche Freiheit – aber sie gehe immer mit Verantwortung einher.
Sein persönlicher Leitsatz lautet: "Handle immer so, dass du kein Glück brauchst." Ob die Todesnacht am Großglockner eine tragische Grenzsituation war oder eine strafbare Fehlentscheidung, wird nun das Gericht klären. Das Urteil könnte eine Signalwirkung für viele Bergsteiger haben.